Was mir bei der Absage meiner Auszeit hilft – radikale Akzeptanz

Nach der Absage meiner geplanten etwa 1/2-jährlichen Auszeit mitsamt Microcamper und Mina quer durch Deutschland waren die Tage nicht sonderlich einfach. Wenn ich etwas nicht ändern kann, macht mich das hilflos und wütend und ohnmächtig und sauer. Meine Stimmung fuhr fleißig Achterbahn. Das ungefähr einzige was mir hierbei dauerhaft hilft ist radikale Akzeptanz (und meine Lösungsorientierung, aber das wird eventuell ein extra Text).

Frauke sitzt unter einem alten Baum und schaut nach oben in seine Krone.

Radikale Akzeptanz heißt, dass ich nicht versuche, meine Gefühle zu dieser (beschissenen) Situation loszuwerden. Dieses unbedingte Wegschieben und Verdrängen meiner Gefühle hätte ich früher wie selbstverständlich und unterbewusst angewandt. Doch durch meine nunmehr fast 7-jährige Depressionserfahrung habe ich gelernt, dass das nur enorm viel Kraft kostet, die ich eigentlich viel besser woanders einsetzen kann, und dass die Emotionen nach wie vor hinter einer sehr dicken Eisen-/Holztür lauern. Hier warten sie auf einen kurzem Moment der Unachtsamkeit meinerseits und poltern dann laut und überraschend in meine Gefühlswelt hinein, wenn ich am allerwenigsten damit rechne. Einfach verdrängen ist halt nicht.

Stattdessen akzeptiere ich alles. Radikal alles.

Die Situation. Die Absage meiner Auszeit. Die Pandemie. Die Kontaktbeschränkungen. Die Angst um Menschen aus der Risikogruppe. Finanzielle Sorgen. Zukunftsängste. Verlustängste. Wut. Enttäuschung. Trauer (ja, die Absage meiner Pläne fühlt sich wie eine Art Tod von etwas an, das ich nun betrauere). Ohnmachtsgefühle. Neid. Anspannung. Mut. Freude. Lachen. Weinen. Lächeln. Sonnenstrahlenwärme im Gesicht. Kaffeeduft in der Nase. Dass es anderen Menschen wesentlich schlechter geht als mir und ich trotzdem scheiße drauf sein darf. Heißhunger. Appetittlosigkeit (die hält sich in Grenzen). Saumäßig schlechte Laune. Endorphingeladene Kraft. Zweifel. Alpträume. Müdigkeit, die sich durch den ganzen Tag zieht. Antriebslosigkeit. Bewegungsdrang. Wut. Und nochmal Wut.

Ihr merkt, da war und ist zum Teil immer noch eine Menge in mir los. So, wie in vielen Menschen zur Zeit. Damit meine ich nicht nur Menschen mit einer psychischen (Vor-)Erkrankung, sondern eigentlich alle. Wir alle leben gerade in einer Ausnahmesituation und durchleben viele Emotions-/Energie-Schwankungen. Jede*r abhängig von seiner*ihrer individuellen Situation und Konstitution.

Ich versuche zur Zeit alles radikal zu akzeptieren. Das fällt mir natürlich nicht leicht. Gerade die sehr heftigen, negativen Gefühle fühlen sich einfach richtig scheiße an. Doch sie sind da und möchten gesehen, gehört und gefühlt werden. Ich nehme sie wahr und versuche sie nicht zu beurteilen oder zu werten. Sie sind gerade einfach ein Bestandteil meiner Situation. Ich frage nicht (mehr): Warum? Warum ich? Warum so? Warum jetzt? Warum das alles?

Derzeit kann ich meine Situation nicht ändern, doch ich kann sie akzeptieren. Mit allem, was gerade im Innen und Außen los ist. Zum Glück ist die Situation derzeit für mich nicht lebensbedrohlich. Doch ich werde natürlich an alte, ähnlich hilflose und ausgelieferte Situationen erinnert. Meine alten Muster möchten anspringen, um mein vermeintlich bedrohtes Leben zu retten. Das nehme ich wahr und akzeptiere es. Im nächsten Schritt lenke ich meine Aufmerksamkeit auf die Sicherheiten, die mich umgebe.

Auf das Dach über meinem Kopf. Auf meine gesunde Gesundheit. Auf meine Ersparnisse, die zwar eigentlich für die Auszeit gedacht waren, nun aber für die Zeit zuhause herhalten müssen (ja, wegen der Eigenkündigung habe ich natürlich eine 3-monatige Sperre beim Arbeitslosengeld). Auf Mina, die mich zum Spielen auffordert. Auf das leckere Essen, das ich mir zubereite. Auf den Garten, der seit letztem Jahr zu meiner Wohnung gehört. Auf den Wald in der Nähe (auch wenn er zur Zeit völlig überlaufen ist). Auf die frühlings- und teils sommerlichen Temperaturen. Auf die kleinen Gemüsepflanzen, die ich nun vorziehe. Auf meine neu angeschaffte Hängematte, von der aus ich in den Himmel starren kann und dabei Sommersproßen sammle. Auf mein sicheres soziales Netzwerk. Auf meinen Atem.

Ein, aus. Ein, aus. Ein, aus.

Manchmal vergesse ich regelmäßig zu atmen. Gerade das tiefe (entspannte) Atmen fällt mir zur Zeit sehr schwer und ich verkrampfe körperlich schneller.

Ich akzeptiere alles.

Das hilft mir. Denn ich verdränge nichts.

Letztendlich habe ich dadurch mehr Energie übrig, als wenn ich alles verdrängen würde. Diese Energie nutze ich in positiven, fast unbeschwerten Momenten für die weitere Planung. Wo soll es für mich hingehen? Welches Berufsfeld reizt mich? Eigentlich wollte ich mich ab Herbst beruflich neu orientieren. Nun kann ich bereits jetzt damit starten. Ich spüre ein mutiges Kribbeln der Vorfreude und Lernbereitschaft in mir.

Mein vor einigen Wochen eingeschlagener Weg verläuft so völlig anders, als ich gedacht hatte. Doch es geht weiter. Es geht nicht rückwärts, sondern kurvig und manchesmal steinig vorwärts. Hin und wieder geht es seitlich steil bergab. Doch die Aussicht dabei ist schön. Es heißt doch so schön: Nur wer zu Fuß einen Berg erklimmt, weiß, wie toll die Brotzeit auf dem Gipfel schmeckt. (Menschen mit einer Gehbehinderung nehme ich hierbei natürlich aus. Wer mit einem Lift auf einen Berg fährt, kann die Brotzeit genauso genießen.) Für mich ist vieles besser, als entspannt in die falsche Richtung zu laufen und erst am (Lebens-)Ende zu merken, dass es eine Sackgasse war.

Durch meine derzeitige radikale Akzeptanz scheine ich nach außen erst einmal fest zu verharren und mich evtl. hilflos in die Situation zu fügen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Ich nehme den Moment an, wie er ist und schaue dann, was ich daraus machen kann. Doch damit sind wir bereits bei meiner sehr ausgeprägten Lösungsorientierung. Hierauf gehe ich demnächst einmal ein.

Vielmehr praktiziere ich bei der radikalen Akzeptanz auch eine sehr große Selbstliebe, Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl. Ich nehme mich so wie ich bin. Mit allen vermeintlich negativen, schwachen und angreifbar machenden Emotionen. Ich verurteile mich nicht, sondern nehme mich liebevoll selbst in den Arm, wenn es mir nicht gut geht. So, wie ich es bei einer sehr guten Freundin außerhalb von Corona auch tun würde. Ich ermuntere mich, wenn es mir dreckig geht. Und ich jubel mit mir selbst, wenn ich von ihnen heraus glücklich strahle. An den Tagen, wo so gar nichts funktionieren möchte, da weiß ich, dass Morgen ein neuer Tag ist und ich spätestens dann neu entscheiden kann, in welche Richtung meine Stimmung geht.

Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Sucht euch bitte Hilfe, wenn ihr merkt, dass es euch schlechter geht! Schaut z. B. mal bei der Deutschen Depressionshilfe vorbei: hier gibt es Tipps für die Zeiten mit Corona. Die Telefonseelsorge könnt ihr unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 rund um die Uhr erreichen! Bitte gebt nicht auf, sondern holt euch Hilfe, wenn ihr diese braucht!

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Mach weiter so, liebe Frauke!
    Du bist auf einem guten Weg , lass Deinen Gefühlen einfach freien Lauf, dann musst Du nicht kämpfen und hast Kraft für anderes.
    Bleib gesund, bleib so wie Du bist und sei lieb gegrüßt von
    Josef und Ingrid

    • Ihr zwei Lieben!
      Vielen lieben Dank für eure lieben, unterstützenden Worte!
      Bleibt ihr zwei auf jeden Fall auch gesund!
      Liebe Grüße, Frauke

  2. HAllo Frauke,
    Das ist eine interessante Strategie mit der radikalen Akzeptanz. Muss ich mal ausprobieren. Auch bei mir ist das Phänomen der Achterbahn stark ausgeprägt in dieser verrückten Zeit.
    Ich habe jetzt angefangen öffentlich über mein Depression zu reden. Auf Youtube. Das ist auch radikal. Ich mache keine Werbung dafür, erzähle nur ein paar Freunden davon. Aber was ich zurückbekomme ist der Hammer. So viele öffnen sich auch und erzählen von ihren Sorgen und Tiefs. Und das gibt mir so viel zurück und macht mich stark.
    Danke, dass Du hier soviel schreibst. Ich glaube, wir werden durch Corona und die Krise eine Menge neue Mitpatienten bekommen. Vielleicht wird die Krankheit Depression endlich mal entstigmatisiert.
    Liebe Grüße aus RLP
    Claudia

  3. Hallo Claudia,
    vielen Dank für deine lieben und persönlichen Worte!
    Das ist sehr mutig auf Youtube über deine Depression zu sprechen! Ich werde gleich einmal schauen, was du dort veröffentlich hast!
    Ich wünsche dir ausreichend Kraft und Durchhaltevermögen für deinen weiteren Weg!
    Bleib gesund, liebe Grüße, Frauke

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