Träume sind Schäume und Pläne zerplatzen – Corona-Update 2 zu meiner Auszeit 2020

Vor drei Wochen ging ich noch davon aus, dass ich heute bereits unterwegs sein würde. Vor zwei Wochen war ich durch die sehr turbulente Corona-Entwicklung bereits ziemlich desillusioniert und verschob meinen Start auf mindestens nach Ostern. Mittlerweile habe ich meine Auszeit komplett abgesagt. Zu rasant und unvorhersehbar ist mir die aktuelle Situation rund um Corona.

Eine Hand hält ein sehr zerbrechliches Blatt. Es ist bereits so gut wie zersetzt. Nur das Blatt-Gewebe hält es noch zusammen.

Die Ausnahmesituation, mit der wir gerade weltweit fertig werden müssen, geht vielen Menschen an die (finanzielle, psychische, physische, etc.) Substanz und ist für einige auch sehr lebensgefährlich. Bei uns herrscht gerade eine Kontaktbeschränkung, die die Ausbreitung der Pandemie eindämmen soll. Die soziale Isolation, die dadurch entsteht, nimmt viele von uns mit. Parallel entsteht eine neue Solidarität: man nimmt Rücksicht aufeinander, hält den Sicherheitsabstand ein so gut es geht, geht für einander einkaufen um die Menschen aus der Risikogruppe zu schützen.

Hierbei gibt es zwei Dinge, die ich sehr beeindruckend finde:

  • In den Schlangen vor Supermärkten, Bäckereien etc. sehe ich meistens Menschen, die sich an den Sicherheitsabstand von 2 m halten. Und während die Leute vor den Geschäften warten um eingelassen zu werden, unterhalten sie sich. Über die 2 m hinweg. Mit völlig Fremden. Sie tauschen sich aus und lächeln sich dabei an.
  • Zur Verabschiedung höre ich zur Zeit sehr häufig ein „Und bleiben Sie gesund!“. Beim Bäcker, an der Supermarktkasse, auf dem Wochenmarkt.

(Dass es genug Idioten da draußen gibt, die sich idiotisch verhalten, ist glaube ich jedem klar und auch ich erlebe diese Personen. Doch für mich sind sie in der Minderheit.)

Nichts destotrotz hadere ich zur Zeit viel. Die Depression klopft zeitweise sehr laut an die Tür und möchte unbedingt ein paar Tage hier einziehen. Noch unterhalten wir uns durch die Tür hindurch. Einmal hat sie mich überlistet und ich öffnete die Tür, sodass die Depressionen einen Fuß dazwischen stellen konnte. Mit etwas gutem Zureden meinerseits und viel innerer Stärke ist sie aber nochmal um den Block gegangen und hat sich einen Coffee-to-go beim Bäcker geholt.

Ich habe die letzten Monate so viel umgekrempelt, habe Träume verfolgt und Pläne geschmiedet. Als ich mit immer mehr Menschen über die Kündigung meines festen Jobs, die geplante Auszeit und die dann ab Herbst gedachte berufliche Neuorientierung gesprochen habe, wurde mir häufig gesagt, wie mutig ich sei. Ja, klar, es gab Tage, da hatte ich selbst sehr viel Respekt vor meinen eigenen Entscheidungen und meinem eingeschlagenen Weg. Doch es fühlte sich richtig und gut an. Deshalb habe ich meist geantwortet: „Was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall werde ich arbeitslos:“ Tja, da ahnte ich ja noch nicht, dass mal eben eine Pandemie die komplette Gesellschaft beschäftigen könnte. Arbeitslos bin ich nun ab 1. April, doch meine Auszeit werde ich nicht machen können.

Statt der geplanten freien Monate mit meinem Microcamper unterwegs quer durch Deutschland habe ich nun arge Zweifel, ob das alles so richtig war. Was wäre, wenn… Was wäre, wenn nicht… Wie konnte ich nur… Warum habe ich nur…

Hinzu kommen natürlich die Ängste um Menschen aus den Risikogruppen. Wenn ich die Situation in Italien verfolge, wird mir ganz anders.

„Leben ist das, was passiert, während du fleißig dabei bist andere Pläne zu schmieden.“ (John Lennon)

In den letzten Jahren habe ich dank meiner Depression viel gelernt. In den 2 Therapien, durch meine Ausbildung zur Resilienztrainerin und auch so habe ich mir viel Handwerkszeug angeeignet um mit schwierigen Situationen, alten Glaubenssätzen und meiner inneren Kritikerin umzugehen. Das kommt mir gerade sehr zugute.

Ich merke, dass ich drohe in alte Verhaltensmuster reinzurutschen. Meine Stimmung ist zur Zeit sehr instabil und wankelmütig. Die Depression möchte so gerne reinkommen und es sich mit einer Tasse Kaffee gemütlich machen. Doch mein rationaler Anteil rät mir dazu, mich auf meine neu erlernten Hilfsmittel zu besinnen. Und das versuche ich, so gut es geht.

Es klappt nicht immer in jedem Moment. Dafür empfinde ich meine derzeitige Situation als zu belastend, neu, unverhersehbar, beänstigend und ungerecht. Aber ich bleibe dran. Ich hinterfrage die sehr laute Stimme meiner inneren Kritikerin. Ich versuche mir schöne Momente zu schaffen. So koche ich mir z. B. jeden Morgen zu der ungefähr gleichen Uhrzeit einen Kaffee, schnappe mir eine Süßigkeit und setze mich damit in die Sonne. Na gut, jetzt gerade schneit es draußen und für die kommenden Tage ist auch eher keine Sonne vorher gesagt. Aber dann setze ich mich mit meinem neuen Ritual einfach woanders hin. Es gibt ja immer/meist Mittel und Wege.

So versuche ich zum einen meine Trauer und Wut über die abgesagten Pläne von mir zu verarbeiten und diesen Emotionen den nötigen Raum zu geben. Ich verdränge sie nicht, sondern lasse sie zu und versuche mit ihnen zu arbeiten. Diese Gefühle haben gerade ihre Berechtigung. Doch sie kosten mich viel (psychische und physische) Kraft. Mit der Zeit wird es besser werden.

Tag für Tag, Moment für Moment entscheidet sich neu, wie es weiter geht.

So geht es zur Zeit den meisten von uns in Bezug auf Corona. Während ich gerade die Zeit habe, mich mit meinen Emotionen und allem was dazu gehört, auseinander zu setzen, haben einige von euch aus den unterschiedlichsten Gründen gerade nicht die Zeit und die Kraft dafür.

Sucht euch bitte Hilfe, wenn ihr merkt, dass es euch schlechter geht! Schaut z. B. mal bei der Deutschen Depressionshilfe vorbei: hier gibt es Tipps für die Zeiten mit Corona. Die Telefonseelsorge könnt ihr unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 rund um die Uhr erreichen! Bitte gebt nicht auf, sondern holt euch Hilfe, wenn ihr diese braucht!

Wie es bei mir weiter geht, weiß ich gerade nicht. Meine komplette Planung ist über den Haufen geworfen worden. Ich habe das Gefühl, dass meine Träume und Pläne es nicht wert sind in die Realität umgesetzt zu werden. Dass ich machtlos ausgeliefert bin und nun in einer Situation festhänge, die ich nicht beeinflussen kann. Meine Auszeit war ein langgehegter Traum. Zack, puff, weg. Ich brauche nun einige Zeit um mich zu sortieren und mich von meinen Plänen zu verabschieden. Mein Optimismus hat sich vor einigen Tagen von mir verabschiedet und hat leider meine Kreativität direkt mitgenommen. Ich konzentriere mich auf das Atmen, das ich sonst so gerne vergesse, wenn mich etwas belastet. Die letzten Tage habe ich viel im Garten gearbeitet und versucht mein Gesicht in die Sonne zu halten. Wenn der Optimismus und die Kreativität zurück kommen, backe ich ihnen einen Kuchen.

Es werden neue Pläne kommen. Es werden sich neue Wege auftun. Es wird irgendwie weitergehen. Vielleicht werde ich irgendwann eine Art von Sinn hinter meinem eingeschlagenen und nun von äußerlichen Umständen massiv geänderten Weg sehen.

Passt auf euch auf und bleibt gesund!

6 Kommentare zu „Träume sind Schäume und Pläne zerplatzen – Corona-Update 2 zu meiner Auszeit 2020“

  1. Carola Thomanek

    Liebe Frauke,
    seitdem ich vor vielleicht zwei Jahren auf deinen Blog gestoßen bin, sind deine in Worte gefassten Gedanken, deine Beschreibungen ausgewählter Lebenssituationen und deine Brücken zu Menschen, Aktionen, Veranstaltungen… kostbare „Utensilien“ in meinem „Leben-mit-Depressionen-Rucksack“!
    Wie eine Taschenlampe, die immer mal wieder meinen Blick auf bestätigende, inspirierende oder denkanstoßende Pflastersteine auf dem ja leider holprigen Weg lenkt.
    Und mit dieser Erfahrung stehe ich ganz, ganz sicher, so was von nicht alleine da…
    Deshalb nun einmal ganz vorsichtig meinen Gedanken und Wunsch formuliert: Plötzlich hättest du nun die Zeit auf die nächste Stufe zu gehen. Deine ganzen Mutgeschichten…. zu Beginn ganz bescheiden mit einem Tagebuch begonnen…deine Illustrationen… Könnte daraus jetzt nicht noch etwas Größeres entstehen? Noch gewaltiger in der Wirkung? Spontan denke ich an ein Buch/Bücher (oder vielleicht etwas doch ganz anderes?) Gesammelte Werke neu zusammengestellt…
    Solltest du nach deinen ganzen Erfahrungen auch in Interviews, Vorträgen etc. jemals kurz den Hauch eine Idee in eine solche Richtung gehabt haben…
    Meinen Segen hättest du!!!!!!!
    Ich bin mir sicher, was auch immer da entstehen würde, es wäre perfekt.
    Sollte es irgendwann soweit sein – ich kaufe, ich abonniere, ich…
    Liebe Grüße
    Carola

    1. Liebe Carola,
      vielen lieben Dank für deine so lieben Worte!
      Ich nehme mir sie sehr zu Herzen! Es freut mich sehr, dass ich dir in den letzten Jahren etwas auf deinem Weg helfen konnte! Vielen Dank für dein so positives und bestärkendes Feedback!
      Deine Idee mit einem Buch ist sehr gut! Ich hatte vor einiger Zeit über etwas ähnliches mal nachgedacht und dann doch erst einmal verworfen. Wer weiß, vielleicht wäre nun bald der richtige Zeitpunkt gekommen, wenn ich mich innerlich wieder sortiert habe….
      Pass gut auf dich auf und bleib gesund!
      Liebe Grüße, Frauke

  2. Liebe Frauke,

    vielen Dank für den Beitrag. Mich verunsichert Covid-19 und alle Entwicklungen dazu auch. Teilweise werden alte Ängste und Verunsicherungen aufgedeckt, von denen ich dachte, dass ich Sie gut „abgelegt“ hätte. Ich kann mich sehr gut hineinversetzen, wie viel Kraft es Dich kostet. Insbesondere auch, deine Reisepläne erst einmal einzustellen. Ich drücke Dir ganz dolle die Daumen, dass die Depression noch lange beim Bäcker bleibt und der Kaffee nie zu ende ist. 😉 Und falls sie doch wieder bei Dir auftaucht, dass Du „gut“ mit Ihr umgehen kannst. Du hast sehr viele Fähigkeiten entwickelt und Erfahrungen gesammelt. Ich bewundere das. Und nehme mir ab und an ein Beispiel an Dir, wenn ich mal wieder mit meiner Depression nicht klar komme.
    Ein kleiner zusätzlicher Hinweis für Hilfesuchende, die Unterstützung in dieser besonders belastenden Zeit suchen. Es gibt eine Hotline des Bundesverbandes der Deutschen Psychologinnen und Psychologen (BDP). Sie ist täglich von 08:00 – 20:00 Uhr unter der Nummer 0800 – 777 22 44 erreichbar. Die Beratung ist anonym.
    Freue mich bald wieder von Dir zu lesen. Viel Kraft und bleib gesund!

    1. Liebe Katrin,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
      Vielen Dank auch für deinen Hinweis mit vom Bundesverband und den entsprechenden Telefonnummern! Telefonische Anlaufstellen sind zur Zeit wichtiger denn je…
      Ich habe mit dem Bäcker gesprochen: es gibt gerade eine Coffee-to-go-Flat für meine Depression 😉
      Dir wünsche ich auch alles Liebe und Gute, viel innere Kraft und Zuversicht für die kommende Zeit, aber natürlich auch für deinen weiteren Weg!
      Pass du auch gut auf dich auf und bleib gesund!
      Liebe Grüße, Frauke

  3. Hallo, Frauke!

    Es tut mir so leid, dass du deinem Traum absagen musstest! Und ich kann sehr gut nachvollziehen, was das mit dir macht. Wut, Trauer und Angst sind Gefühle, die gerade wild um sich greifen. Es ist nicht immer leicht, dabei das Vertrauen nicht zu verlieren. Mich lähmt die Situation ebenso, was meine Kreativität betrifft. Und das Gefühl, ausgebremst zu werden, lässt mich auch derzeit wütend und trotzig im Dreieck springen. Ich wollte mir gerade ein neues Leben aufbauen, neue Leute kennenlernen, Kontakte knüpfen, aus dem Haus gehen, dinge unternehmen. Gerade jetzt nach der Trennung ist es nicht ratsam, allein zu Hause rumzuhocken. Und doch muss ich nun genau das tun. Da balanciere ich auch an der Grenze zur Depression entlang. Und doch gelingt es mir, wenigstens virtuell Kontakte zu pflegen. Alles andere liegt auf Eis. Man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Und ich frage mich, warum ich mich schon wieder mit mir und meinen Gefühlen beschäftigen muss. Sehr anstrengend das alles.

    Ich wünsche dir Optimismus und Vertrauen! Und dass deine Kreativität sich bald zurückmeldet! Und dass deine Lieben gesund bleiben!

    Liebe Grüße
    Yvonne

    1. Liebe Yvonne,
      vielen Dank für deine lieben Worte!
      Ja, das ist eine schwierige Situation für uns alle. Gerade nach einer Trennung, wie bei dir, ist das nochmal zusätzlich ein schwerer Einschnitt in den gerade beginnenden neuen Alltag…
      Ich wünsche dir ebenfalls viel Mut, Kraft und Optimismus! Hoffentlich kommt unsere Kreativität bald wieder. Die ist dir und mir ja immer eine große Stütze.
      Pass auf dich auf und pflege weiterhin deine virtuellen Kontakte! Soziales Miteinander ist so wichtig!
      Liebe Grüße, Frauke

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