Verantwortung. Übernehmen. Für mich. Punkt.

Vor zwei Jahren sagte meine frühere Therapeutin zu mir, wann ich endlich anfangen würde, die Verantwortung für mich zu übernehmen. Das saß. Ich, die ständig für alles und jeden die Verantwortung übernimmt. Und sich immer für alles und jeden verantwortlich fühlt. Ausgerechnet ich soll keine Verantwortung für mich übernehmen?

Eine Frau und ihr Hund stehen an einem zerklüfteten Abgrund mit Felsen, Steinen und einem sandigen Boden.

Doch sie hatte recht.

Damals war ich wegen eines Notfall-Nachsorge-Termins bei ihr. Ich war kurz vor einem Tief oder vielleicht sogar schon ein klein bißchen drin. Mal wieder ging es darum, dass ich zu viel Verantwortung übernommen hatte und mich für zu vieles schuldig fühlte. Ich hatte während der Therapie und auch danach zwar schon ordentlich daran gearbeitet, aber zu dem Zeitpunkt war ich einige Schritte rückwärts gegangen, war in alte Verhaltensmuster gerutscht und (veraltete) Glaubenssätze schrien lautstark in meinem Kopf herum.

Die Frage meiner früheren Therapeutin war berechtigt. Sehr sogar.

Ich übernahm zwar Verantwortung für alles und jeden, genauso wie für meine Handlungen, Emotionen und überhaupt. Aber ich übernahm keine Verantwortung dafür, dass ich dauerhaft auf mich achte.

Auf mich. Meine Grenzen. Meine Bedürfnisse. Meine Sehnsüchte. Meine Träume. Meine Wünsche. Meine Pläne.

Zu schnell ließ ich mich immer noch aus der Bahn bringen, sobald es jemand anderem schlecht ging und der*diejenige Hilfe brauchte. Zu schnell stellte ich mich immer noch hinten an.

Aber ich bin selbst dafür verantwortlich, dass es mir gut geht. Dass ich ausreichend Raum in meinem eigenen Leben einnehme. Dass ich mich an die oberste Stelle setze. Dass ich erst einmal herausfinde, was ich wirklich möchte. Was ich mir wünsche. Was ich brauche. Was ich mir erträume. Was meine Pläne sind. Was mich stärkt. Was mir gut tut.

Ihre Frage hat mich sehr getroffen und zum Nachdenken gebracht.

Ausgerechnet ich (der ein Therapeut mal eine Anpassungsstörung diagnostiziert hatte, weil ich so viel Verantwortung übernehme, dass es jenseits von Gut und Böse ist) soll mir selbst gegenüber keine Verantwortung übernehmen?

Meine frühere Therapeutin hat mir ihrer Frage ins Schwarze getroffen und die letzten zwei Jahre viel in meinem Leben bewirkt. (Generell haben wir mega gut zusammen gearbeitet und ich habe dank ihr und ihrer Vorgehensweise/Sichtweise/Therapieart enorme Fortschritte gemacht.)

Immer häufiger höre ich in mich hinein. Ich achte noch mehr auf meine innere Stimme, meine Bedürfnisse, meine Emotionen.

Im Vordergrund ist ein Baumstamm. Im Hintergrund ist verschwommen der Wald zu sehen.

Ich übernehme die Verantwortung dafür, dass ich auf mich selber achte. Ich übernehme die Verantwortung für mich. Ich übernehme die Verantwortung für mein Leben.

Krasse Sätze für mich.

Ich darf all dies. Es ist nicht egoistisch und scheiße von mir, wenn ich das tue. Ich werde nicht in der Hölle schmoren, unschuldige Einhörner töten und die Welt zum untergehen bringe, wenn ich mir selbst die oberste Priorität in meinem Leben einräume.

Und nun kommt das krasseste:

Ich bin ein wertvoller, toller, liebenswerter Mensch. Ich mag mich, so wie ich bin.

(Dass das nicht an 100%ig allen Tagen gilt, sondern gerade auch je nach Hormonstatus noch immer mal etwas schwanken kann, ist klar, oder?!)

Ich übernehme die Verantwortung für mich und mein Leben.

Ich darf mein Leben so gestalten, wie ich das möchte. Wie es für mich richtig ist. So, dass ich glücklich bin.

Dabei muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen, bloß weil es dem*derjenigen gerade schlechter gehen könnte als mir und ich deshalb kein Anrecht auf ein glückliches Leben haben könnte.

Ja klar, das klingt total logisch.

Aber für meine Persönlichkeitsstruktur der letzten etwas über 3,5 Jahrzehnte ist das eine riesige Kehrtwende. Ich bin so sozialisiert worden, dass ich mich hinten anstellen muss, weil ich es nicht wert bin überhaupt zu leben. Nun habe ich es endlich verstanden: ich bin lebens- und liebenswert und ich darf mein Leben frei gestalten.

Diese Erkenntnis kam nicht über Nacht und ich habe gerade in der letzten Zeit mal wieder viel an mir und in mir gearbeitet. Es gab einige Stunden mit schlechter Laune, weil meine innere Stimme mir weiß machen wollte, dass ich mich extrem egoistisch und scheiße verhalte, weil ich Entscheidungen gefällt habe, die ICH so wollte, weil sie MIR gut tun und sonst NIEMANDEM. Niemand außer mir hat einen Nutzen davon. Niemandem außer mir wird es damit gut gehen. Niemandem. Nur mir. Also: „nur“ MIR!

Was meine innere Stimme und meine Glaubenssätze davon gehalten haben, könnt ihr euch sicherlich vorstellen. In meinem Kopf schrien diverse Stimmen mit ziemlich bösen Worten um die Wette und beschimpften mich.

Doch ich habe sie machen lassen. Ich habe ihnen zugehört. Als es langsam leiser in meinem Kopf wurde, habe ich gesagt, dass ich das anders sehe und zu meinen Entscheidungen stehe. Wir haben dann ein bißchen in meinem Kopf gestritten. Es gab Tage, da endete das unentschieden. Letztendlich habe ich aber recht behalten und meine inneren, negativen und selbstschädigenden Stimmen haben eingesehen, dass ihr permanentes Rumbrüllen zu nix führt.

Nun streiten wir uns seltener und leiser. Manchmal kommen Zweifel hoch. Und Ängste. Urängste in mir drin. Bin ich liebenswert? Mag mich überhaupt noch jemand? Werde ich ausgeschlossen und verstoßen? Doch auch hier höre ich hin und widerspreche. Ich bin liebenswert. Gerade weil ich für mich selbst die Verantwortung übernehme. Dadurch bin ich noch viel authentischer als ich eh schon war. Ich habe viel mehr innere Stärke und Kraft, weil ich so viel mehr auf mich selbst achte und zu mir selbst stehe.

Ich habe in den letzten Monaten einige Entscheidungen gefällt, die mein weiteres Leben grundlegend auf den Kopf stellen werden. Was genau ich damit meine, erzähle ich euch in den nächsten Wochen! Jetzt feiere ich mich erst einmal dafür, dass ich einen so megariesengroßen Schritt in meiner Recovery-Geschichte gegangen bin!

Äste mit Tropfen

Ich übernehme die Verantwortung für mich!

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frauke,
    welch ein wunderschöner Beitrag. Ich habe mir beim Lesen vorgestellt, selber diese Worte schreiben und leben zu können. Es hat sich schon bei dem Gedanken daran so leicht und friedlich angefühlt…
    Danke für deinen Text. Er kam für mich genau zur richtigen Zeit.
    Jetzt weiß ich wieder einmal mehr, dass dies genau der richtige Weg ist. In meinem Fall habe ich emotional mit vier Jahren die Verantwortung für meine schwerstbehinderte Schwester übernommen. Ich wurde zwar geliebt und wertgeschätzt, habe diese Gefühle aber ein Leben lang an mein „Funktionieren“ gekoppelt. Klar, dass ich als Mutter nun ein Heimspiel habe. Die alten Glaubenssätze bekommen täglich eine Steilvorlage…
    Harte Arbeit alle Teammitglieder in mir immer schön an die richtige Position zu verweisen. Mich um alle gebührend zu kümmern und nicht den lautesten Stimmen die Führung zu überlassen… ja, ja.
    Deine Blogbeiträge etc sind immer eine super Unterstützung.
    Danke auch dafür.

    • Liebe Carola,
      vielen lieben Dank für deinen lieben Kommentar!
      Es freut mich sehr, dass ich mit meinen Worten, mit meinem Blogbeitrag etwas in dir berühren konnte!
      Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg alles Liebe, alles Gute und ganz viel Kraft um dich von alten Verhaltensmustern und Glaubenssätzen zu lösen!
      Liebe Grüße, Frauke

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