Mein Wochenende beim 5. Deutschen Patientenkongress Depression in Leipzig – das Motto: Betroffenen eine Stimme geben

*Werbung* Vorletztes Wochenende war ich das erste Mal in Leipzig beim 5. Patientenkongress Depression der Deutschen Depressionshilfe und der Deutschen DepressionsLiga. Es war ein sehr tolles Wochenende mit viel Input, Austausch und Emotionen für mich! Mit 1.299 anderen Menschen war ich als Teilnehmerin dabei und habe zwei sehr interessante Tage verbracht. Das diesjährige Motto „Betroffenen eine Stimme geben“ trifft es für mich genau auf den Punkt. Was auf dem Patientenkongress überhaupt passiert, wer dort war und was ich mitnehme, davon erzähle ich euch nun.

Blick in der Kongresshalle auf die Leinwand

Patientenkongress – Wofür soll das gut sein?

Weil wir viele sind. Viel mehr, als jede*r einzelne von uns glaubt. Während wir im Alltag häufig alleine mit unserer Depression sind, ist in Wirklichkeit jede*r 5. Mensch in Deutschland einmal in seinem Leben von Depressionen betroffen. Austausch hilft. Reden hilft. Musik hilft. Kreativ sein hilft. Selbsthilfegruppen helfen. Sport hilft. Aber auch Wissen über die Erkrankung hilft. (Natürlich begleitend zu einer Behandlung durch Ärzte, Therapeuten, etc.!)

Und genau darum geht es beim Patientenkongress Depression.

Harald Schmidt, Schirmherr der Deutschen Depressionshilfe, moderierte den Kongresstag. Selbst von Depressionen betroffene Menschen, Angehörige, Fachleute haben Vorträge gehalten und sich zu Diskussionsrunden auf der Bühne zusammengefunden. Walter Kohl (der Sohn von Helmut Kohl) erzählte in einer Diskussionsrunde von seinem Thema der Suizidprävention, nachdem seine Mutter sich vor knapp 20 Jahren suizidiert hat.

Harald Schmidt steht auf der Bühne des 5. Patientenkongress Depression

Zwischen den einzelnen Progammpunkten gab es musikalische Pausen mit dem Drum-Cafe und den Boomwhackers (verschieden lange, bunte Kunststoffröhren, die unterschiedliche Töne hervorbringen). Es war ein totaler Gänsehautmoment, wo die mit 1.300 Teilnehmer*innen ausverkaufte Kongresshalle hiermit Musik machte. Das Publikum wurde in zwei Bereiche geteilt. Während die eine Hälfte Musik machte, hörte die andere Hälfte einfach zu. Um im Anschluss zu applaudieren. Doch es war kein einfacher Applaus. Das Drum-Cafe sorgte dafür, dass die zuhörende Hälfte schier ausgerastet ist vor Begeisterung! (Leider finde ich dazu nirgendwo ein Video. Doch ich hoffe, ihr könnt es euch ein klein wenig ausmalen, welche positive Energie dabei unterwegs war!)

Drei Männer vom Drum-Cafe stehen auf der Bühne und machen Musik

Marie-Luise Gunst hat Lieder ihres „Depression unplugged“-Albums gemeinsam mit ihrer Band zum besten gegeben und mit ihren nachdenklichen, authentischen und ebenso mitreißenden Texten die Pausen perfekt gefüllt.

Auf einer „Ausstellerstraße“ gab es zig Stände von Organisationen und Hilfsangeboten in alle möglichen Richtungen und aus zahlreichen Regionen Deutschlands. So war z. B. die Mut-Tour mit einigen Teilnehmer*innen der Radtour vertreten. Die Telefonseelsorge hat mit 3 Kunststoffröhren und bunten Bällen die Stimmung vor Ort eingefangen: eher 🙂 oder eher :-/ oder eher :-(.

Aufsteller der Telefonseelsorge mit einem Uhu drauf

Die Shitshow war mit ihren Moodsuits vor Ort. Diese Moodsuits kann man sich anziehen oder umhängen und so ein Gefühl dafür bekommen, wie sich körperliche Symptome einer Depression anfühlen.

Ausstellung der Moodsuits

Es gab Stände mit Infomaterialien und Kontaktstellen für Angehörige und Freunde von Menschen mit psychischen Erkrankungen. So z. B. Wege e. V. und der Landesverband der Angehöriger psychisch kranker Menschen Sachsen e. V. Der Verein AGUS e. V. richtet sich an Angehörige, die einen Menschen durch Suizid verloren haben.

Im Bereich der Suizidprävention waren z. B. die „Freunde fürs Leben“, das Nationale Suizidpräventionsprogramm und „U25“ (Mailberatung für junge Menschen von Gleichaltrigen) vertreten.

Außerdem habe ich das erste Mal vom Kinder- und Jugendtelefon und Elterntelefon (die Nummer gegen Kummer) erfahren. Und es gibt z. B. Schatten und Licht e. V., die sich an Frauen (und ihre Familien) mit Depressionen nach der Geburt richten

Und so schlenderte ich hier von Stand zu Stand, kam ins Gespräch, tauschte mich aus. In dem Kongressbeutel, den jede*r Teilnehmer*in bekam, sammelte ich fleißig Infomaterial und Broschüren.

In einem etwas seitlich gelegenen Bereich habe ich an einer schön angeleiteten Achtsamkeitsübung teilgenommen. Das hat mir sehr geholfen, mich etwas von dem Trubel und der Lautstärke um mich herum zu distanzieren und mich mehr auf mich zu fokussieren.

Blick auf die Schuhe

Torsten Sträter hat mich mit seinem Comedyprogramm mal so richtig zum lachen gebracht. Ein Ruhrpotttyp mit herrlichem Humor! (Mein Wunschzettel ans Christkind ist spontan um einen Punkt erweitert worden: Karten für das Bühnenprogramm vom Torsten Sträter.)

Torsten Sträter steht auf der Bühne des 5. Patientenkongress Depression

Der 4. Deutsche Medienpreis der Depressionshilfe wurde verliehen. Der erste Platz war direkt zweifach vergeben worden! Der erste erste Platz ging an die Sendung mit der Maus und deren tolle Sendung „Die unsichtbare Krankheit“. Ein so ein toller Film, garantiert nicht nur für Kinder! (Leider habe ich hinterher die Maus verpasst, die zur Preisverleihung natürlich da war, und deshalb gibts leider kein Selfi von mir und der Maus…) Der zweite erste Platz ging an die sehr offene, tolle Doku „Phil und das Traurigsein“ und berichtet über den 11-jährigen Phil und seine Depression. Sehr bewegend!

Die Maus überreicht einen Blumenstrauß auf der Bühne

Am zweiten Tag gab es Workshops und Lesungen mit verschiedenen Schwerpunkten und Themenbereichen. Ich habe mir z. B. eine Lesung zu „Papas Seele hat Schnupfen“ und ein Gespräch von „Freunde fürs Leben“ angehört.

Lesung. Eine Frau sitzt auf einer Bühne und hat ein Mikro in der Hand. Dahinter auf der Leinwand sieht man ein Bild aus dem Buch. Ein Mädchen und ein Affe vor einer Wand

Bei einem interaktiven Vortrag habe ich u. a. von den Seiten „Die Mitte der Nacht“ und „Dein Kopf voller Fragen“ erfahren. Außerdem habe ich z. B. Manfred Bieschke-Behm zugehört, der von seiner Depression (im höheren Alter) berichtete. Er sagte so treffend: „Ich will leben, aber nicht so wie bisher. […] Die Krankheit bestimmte, was ich tue, nicht aber, was ich lasse. […] Es ist nie zu spät, sich professionelle Hilfe zu suchen!“

An einem gemeinschaftlichen Bild der Selbsthilfegruppe „Kreativ gegen Depression“ habe ich ebenfalls mitgemalt!

ein buntes Bild

Mir fehlt hier ehrlich gesagt ein bißchen der Platz, um euch in aller Breite von meiner Begeisterung über das Wochenende zu berichten. Ich habe mich (trotz der zahlreichen Menschen oder gerade wegen?) sehr wohl gefühlt. Alle Anwesenden hatten in welcher Form auch immer mit Depressionen zu tun und es war kein Tabu! Ich habe neue Kontakte geknüpft, Infobroschüren eingesammelt, Anregungen und Input in meinem Kopf gespeichert. Es war viel, doch es war gut.

Tasche am Bahnhof

(Eine Zusammenfassung der Deutschen Depressionshilfe vom Patientenkongresses findet ihr übrigens hier!)

Die Tage danach

Nach dem Wochenende war ich platt und voll mit Eindrücken und Emotionen. Die Tage danach habe ich zur Regenerierung gebraucht. Zwei Tage volles Programm und dann noch mit so vielen Eindrücken und Infos, da war viel los in mir drin. Ich nehme viel mit und gebe viel weiter.

Im Anschluss habe ich mit allen möglichen Menschen über den Patientenkongress gesprochen. Ich habe von den einzelnen Hilfsangeboten erzählt und meine Eindrücke geschildert. Damit stieß ich auf sehr offene Ohren. Klar, in meinem Umfeld weiß jede*r von meiner Depression, aber nicht jede*r fragt so aktiv nach und ist an Details zu meinem Wochenende interessiert. Doch diesmal war es so. Ich habe sehr gerne davon berichtet und meine Begeisterung weitergegeben. An die Interessierten habe ich verschiedene Links und Flyer weitergegeben. Es ist so wichtig, dass wir offener über psychische Erkrankungen sprechen! Es darf nicht länger ein Tabuthema bleiben!

(Ich berichte hier von meinen Erfahrungen und meinem Umgang mit meiner Krankheit. Nicht jede*r kann mit seiner*ihrer Erkrankung so offen umgehen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Hier habe ich bereits einmal darüber geschrieben, wann ich wem von meiner Depression erzählt habe! Achtet also bitte gut auf euch und eure Ressourven/Kräfte/Kapazitäten, wem ihr wann was erzählt. Gebt auf euch acht und setzt Grenzen, falls jemand negativ reagiert, wenn ihr über eure Erkrankung oder Erfahrung berichtet! Jede*r trägt das zur Enttabuisierung bei, was er*sie beitragen kann! Mehr geht nicht und mehr ist nicht möglich. Aber jeder noch so kleine Schritt in die richtige Richtung zählt.)

Warum ist die Aufklärung über Depression und Suizide so wichtig?

Wir dürfen niemals vergessen, dass die Depression eine Krankheit ist, die im schlimmsten Fall tödlich endet. Viele wissen das mittlerweile, doch es gibt immer noch viel zu viele Vorurteile, Stigmatisierungen und Verharmlosungen, die den ersten Schritt auf der Suche nach fachlicher Hilfe erschweren und auch sonst den Alltag mit dieser Krankheit unnötig erschweren. So existiert leider immer noch in vielen Köpfen das Vorurteil, dass Depressionen auch immer ein Zeichen von Schwäche oder Versagen sind. Nein, Depression ist eine Krankheit. Punkt.

Stellt euch mal vor, wie es wäre, wenn alle Menschen mit einer psychischen Erkrankung damit völlig offen umgehen könnten und es „normal“ wäre, dass es Menschen mit eben solchen Krankheiten unter uns gibt. Etwa jede 4. Frau und jeder 8. Mann erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Im Schnitt hat also jede*r 5. von uns bereits eine Depression gehabt oder hat sie noch. (Zahlen von der Deutschen Depressionshilfe)

Hinzu kommen die Angehörigen, Freunde, Bekannten und Arbeitskollegen, die hierdurch ebenfalls mit einer Depression konfrontiert werden und somit ebenfalls Auswirkungen dieser Erkrankung spüren.

Jedes Jahr sterben in Deutschland doppelt so viele Menschen durch Suizid wie durch Verkehrsunfälle. Alle 53 min. stirbt ein Mensch durch Suizid. (Zahlen von „Freunde fürs Leben“)

Und doch ist das alles nach wie vor ein Tabu und kaum jemand spricht offen darüber. Menschen suchen sich zu spät Hilfe, was bei den langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz doppelt scheiße ist.

Gerade prominente Menschen können ihre Stimme sehr gut dazu nutzen, um andere Menschen über Depression und Suizidprävention aufzuklären.

Promis halten Schilder zum Thema Depression hoch. Z. B. "Depression ist eine ernste Erkrankung"

Beim diesjährigen Patientenkongress waren dementsprechend einige Promis vor Ort. Z. B. Torsten Sträter und Victoria van Violance sprechen offen über ihre Depressionserfahrungen, Walter Kohl berichtet von dem Suizid seiner Mutter und Simon Licht engagiert sich nach dem Suizid des Sohnes eines Freundes im Bereich der Suizidprävention. Harald Schmidt, als Schirmherr der Deutschen Depressionshilfe, hat seine Arbeit in dem Bereich am Kongresswochenende wie folgt zusammengefasst: „Was Greta fürs Klima ist, bin ich für die Depression!“.

Selfie von Frauke und Harald Schmidt

Lasst uns offener darüber sprechen, wenn es uns nicht gut geht. Lasst uns aber ebenso offen nachfragen, wenn wir merken, dass es unserem Gegenüber nicht gut geht. Viele Leute haben Angst vor der möglicherweise sehr ehrlichen und nicht unbedingt positiven Antwort auf die Frage „Wie gehts dir?“. Wenn ihr euch mit der Antwort eures Gegenüber evtl. überfordert fühlt, dann sprecht dies an, ohne Vorwürfe zu formulieren. Überlegt gemeinsam, was ihr nun tun könnt. Welche externen Hilfsangebote und Anlaufstellen könnten nun die richtigen sein? Wo könnte man sich hinwenden und um Hilfe bitten? Dies gilt nicht nur für Menschen mit einer (möglicherweise) psychischen Erkrankung, sondern natürlich auch für Angehörige, Freunde oder Arbeitskollegen!

Ich habe hier bereits einige Informationen dazu zusammen gefasst. Bei den „Freunden fürs Leben“ findet ihr einen Hilfsangebote-Finder. Bei der Deutschen Depressionshilfe findet ihr hier Anlaufstellen und hier bei der Deutschen Depressionsliga. Ihr seht, ihr seid nicht alleine, wenn ihr euch hilfslos und überfordert fühlt! Sucht euch eine für euch passende Hilfe!

Würde ich in zwei Jahren zum nächsten Patientenkongress fahren?

Ja. Auf jeden Fall. Das Wochenende hat mir sehr viel gegeben. Viel Gemeinschaftsgefühl, Informationen und Austausch. Die Atmosphäre war von Offenheit, aber auch Rücksichtnahme geprägt. Wenn es zeitlich passt, bin ich in zwei Jahren wieder dabei!

*Werbung: Ich wurde von der Deutschen Depressionshilfe zu dem Patientenkongress eingeladen. Das heißt: ich habe den Eintritt inkl. Verpflegung bezahlt bekommen. Anreise und Übernachtung habe ich selbst bezahlt. Alles, was ich hier schreibe, ist meine eigene Meinung und es gibt keinerlei Absprache bzgl. eines Blogposts. Ich schreibe diesen Text, weil der Patientenkongress eine für mich sehr wichtige Erfahrung war und ich anderen Menschen davon berichten möchte.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frauke,
    sehr, sehr interessant! Schreib Dir in den nächsten Tagen mal eine Mail.
    Für Montag, den 21.10., drück ich Dir ganz dolle die Daumen, vielleicht berichtest Du mal davon?
    Liebe Grüße und: WEITER SO!!!

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