Und endlich kann ich wieder angst- bzw. panikfrei Zug fahren…

Blick von oben auf einen Hund, der vor den Füßen sitzt

Früher liebte ich Zugfahren. Es gab fast nichts schöneres als die 8- bis 9-stündige Zugfahrt bis zu meiner Oma. Selbst als das Geld einige Jahre sehr, sehr knapp war und meine kleine Schwester und ich mit dem Wochenendticket die Weihnachtsfahrten zu Oma gemeistert haben, wobei man bei diesem Ticket ja nur Bummelzüge nehmen darf und wir locker 12 – 15 Stunden unterwegs waren… Doch irgendwann kippte es. Irgendwann in den letzten Jahren wurde es mir zu viel, zu voll, zu laut und zu eng. Ich fühlte mich richtig unwohl und war selbst auf kurzen Strecken total fertig, wenn ich endlich am Ziel war. Also ließ ich es immer mehr bleiben und fuhr immer weniger mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich sagte mir, dass Zugfahren einfach nichts mehr für mich ist. Doch mir fehlte das richtige Wort, um meine Empfindungen einzuordnen: Panik. Ganz einfach Panik.

Blick von oben auf einen Hund, der vor den Füßen sitzt

In den letzten zwei Wochen hat sich viel in meinem Kopf getan, Zusammenhänge erschlossen sich und bisher Unzusammenhängendes ergibt plötzlich Sinn. So wurde mir unter anderem bewusst, dass Zug fahren nicht „einfach nichts mehr für mich ist“. Sondern, dass ich jedes Mal Panik dabei bekam. Mit anderen Worten: ich hatte Panikattacken. Immer wenn ich mich einem Bahnhof nur näherte, bekam ich Herzrasen, Schweißausbrüche, das Atmen fiel mir schwer, die Außengeräusche wurden gefühlt immer lauter und der Platz immer enger. Warum ich nicht eher darauf kam, dass das Panikattacken waren, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Es liegt eigentlich auf der Hand. Aber gut, so habe ich nun einige Jahre astreines Vermeidungsverhalten an den Tag gelegt, anstatt mich damit auseinander zu setzen. Vielleicht war dafür aber auch noch (!) nicht der geeignete Zeitpunkt und vielleicht ist der erst jetzt gekommen.

Ich habe das Zugfahren nie komplett aufgegeben, sondern habe es immer wieder mal probiert. So auch vor 1,5 Jahren als ich zu der Lesung von Markus Bock in Bochum gefahren bin. Dort mit dem Auto hinzufahren, erschien mir aufgrund der zentralen Lage des Lesungsortes und der Kürze der Strecke ziemlich bescheuert und so habe ich mir meine Mütze eingepackt, eine Zeitschrift über Wälder gekauft und bin mit dem Zug nach Bochum gefahren. Hin war es noch ziemlich okay. Alles lief okay. Doch auf dem Rückweg hatte der Zug Verspätung. Eigentlich kein Problem, denn ich musste ja nur etwas warten, das Bahngleis war nicht überfüllt, ich war nicht megamüde und überhaupt. Aber es war echt richtig anstrengend für mich und ich war völlig fertig als ich endlich zuhause ankam. Mit dem Abstand von 1,5 Jahren würde ich sagen, dass ich neben der Angst vor der Zugfahrt auch noch Angst vor Kontrollverlust hatte, weil der Zug später kam und ich daran nichts ändern konnte. Doch diese Zusammenhänge werden mir erst jetzt bewusst, wo ich ganz andere Situationen und ganz andere Zusammenhänge erkenne. (Dazu folgt vielleicht noch ein weiterer Text!)

Wo ich nun besagte andere Zusammenhänge erkenne und auch hier das Wort „Panikattacke“ einordne, werden mir meine bisher unerklärlichen körperlichen Reaktionen in eigentlich völlig harmlosen Situationen plötzlich erklärbar. So auch hier beim Beispiel Bahnfahren. In den letzten Monaten habe ich mich immer wieder dieser Situation gestellt, weil ich ja eigentlich Zugfahren mag. Ich bin bewusst immer wieder auch weite Strecken mit dem Zug gefahren. Im Gepäck dabei: meine Mütze, etwas zu lesen, ein Schal oder Tuch (mit Lavendelöl beträufelt, weil Lavendelöl bei mir entspannend wirkt) und etwas zu trinken und zu essen. Das hat ziemlich gut funktioniert, auch wenn ein Unwohlsein immer noch mit im Gepäck war.

Doch seit ich nun das Wort „Panik“ hiermit in Zusammenhang bringe, wird mir das alles nachvollziehbarer und vor allem: veränderbar. Bisher habe ich einfach gesagt, dass das Zugfahren halt nichts mehr für mich sei. Ziemlich unumstößlich. Auch wenn ich immer mal wieder gefahren bin, so richtig dauerhaft habe ich nicht daran geglaubt. Seit ich aber für mich realisiert habe, dass ich Panik bekomme, wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre, kann ich damit in meinem Kopf ganz anders arbeiten. Ich kann analysieren, welche Reaktionen mein Körper genau zeigt, wann er was macht, in welchen Situationen, mit welchen Rahmenbedingungen. Und ich kann vor allem noch viel genauer gegensteuern. Meine bisherigen Hilfsmittel (Mütze, Buch, Schal, Lavendelöl, Nahrung) waren bereits richtig gute Skills um mich wieder runterzuholen, auch wenn ich bisher dachte, ich würde mich damit einfach nur ablenken.

Seit 1,5 Wochen fahre ich nun wieder angst- bzw. panikfrei mit dem Zug. Am Samstag bin ich mit Mina nach Köln zu dem Kindergeburtstag meines Patenkindes gefahren. Ich war so entspannt dabei, wie schon ewig nicht mehr! Kein Herzrasen, keine Atemnot, kein Engegefühl, einfach keine Panik! Richtig, richtig herrlich! Mina war auf dem Bahnsteig dafür umso unentspannter. Keine Ahnung, ob dort vielleicht irgendein hochfrequentes Geräusch war, das ich nicht hören konnte? Ich habe mich zu ihr runter gehockt, habe meine Arme um sie gelegt, woraufhin sie ihren Kopf in meinen Armen vergraben hat (nichts sehen, nichts hören). Das hat sie sehr beruhigt. Als ich nicht mehr hocken konnte und sie sich auch bereits etwas beruhigt hatte, habe ich mich hingestellt und sie zwischen meine Beine genommen, sodass sie dauerhaft Körperkontakt hatte. Währenddessen habe ich sehr achtsam auf Geräusche und generell die Umgebung geachtet. Das war für Mina hilfreich, für mich aber auch eine unglaubliche Erfahrung: ich war richtig im Hier & Jetzt und das in einer Situation, die ich jahrelang nur mit hoher Anspannung ertragen habe! Im Zug selbst war Mina entspannter, aber etwas aufgeregt und neugierig. Doch auch das regulierte sich mit der Zeit und irgendwann lag sie total entspannt herum. Selbst als es voller wurde, haben wir zwei die Situation entspannt gemeistert!

Blick nach unten auf einen Hund, der zwischen den Beinen hockt Im Zug, Blick auf einen sitzenden Hund vor einem, der den Gang entlang schaut

Im Zug, Blick auf einen liegenden Hund vor einem, der den Gang entlang schaut

Im Zug, Blick auf einen sitzenden Hund vor einem, der den Kopf abgelegt hat

Nun plane ich die kommenden Tage noch einige Strecken mit dem Zug und sehe dem eigentlich ziemlich entspannt entgegen. Ausgerechnet morgen muss ich das leider nüchtern machen, weil ich zu einer Routinekontrolle zum Arzt muss und nüchtern das Haus verlassen ist generell so gar nicht meins… Noch während ich das tippe, spüre ich das altbekannte Unwohlsein meinen Rücken hinaufkrabbeln und mein Herzschlag erhöht sich… Doch heute ist heute und morgen ist morgen und falls es wirklich gar nicht nüchtern gehen sollte, habe ich immer noch einen Notfallmüsliriegel im Rucksack! So!

Blick aus dem Zugfenster auf eine untergehende Sonne hinter Bäumen

Dauerhaft sehe ich Zugfahren nun endlich wieder richtig entspannt und das fühlt sich richtig gut an!

[Wichtig: Ich schreibe ich hier nur von mir und meinen Erfahrungen! Wenn du selbst Panikattacken hast, wende dich bitte auf jeden Fall an einen Arzt oder Therapeuten!]

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Super! Bin gerade erst auf deinen Blog gestoßen.
    Freut mich, dass du an den Punkt gekommen bist, dein Unwohlsein als Panikattacke einzuordnen. Ja, mag sein, dass das ein Abwehrmechanismus war, dass du das früher nicht zuordnen konntest, obwohl es vielleicht relativ offensichtlich war. Aber was soll’s – jetzt war offenbar der richtige Zeitpunkt und du hast dich der Situation in großer Bewusstheit gestellt! Toll!

    • Hallo Jeca!
      Herzlich willkommen auf meinem Blog 🙂 Ich biete dir einfach mal virtuell eine Tasse Kaffee oder Tee an, mach es dir gemütlich und schau dich in Ruhe um!
      Ja, so sehe ich das auch. Es war wahrscheinlich ein Abwehrmechanismus und nun fluppt es! Der richtige Zeitpunkt, die richtige Einsicht und die richtigen Rückschlüsse!
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!
      Frauke

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