Woher kommt meine Abneigung zu Telefonaten und bei wem ich sie trotzdem regelmäßig überwinde

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Jetzt mal ganz ehrlich und unter uns: wer telefoniert schon gerne? Ich auf jeden Fall nicht. Vor 11 Jahren habe ich übergangsweise für 7 Monate in einem Callcenter gearbeitet und musste hierbei bis zu 150 Telefonate am Tag führen um Kunden zu betreuen. Vor diesem Job war ich bereits nicht so begeistert vom Telefonieren, aber seitdem ist da eine regelrechte Abneigung draus geworden.

Doch es gibt Menschen oder Situationen, wo ich diese abgrundtiefe Abneigung zur Seite schiebe und trotzdem den Telefonhörer ergreife (oder: die Wählen-Taste auf dem Smartphone drücke). Denn auch wenn ich per SMS, WhatsApp oder Email so einiges an sozialen Interaktionen im Freundes- und Familienkreis austauschen kann, manchmal ist ein gesprochenes Wort doch Gold wert. Die Redewendung „ein offenes Ohr haben“ trifft es hier schon sehr gut!

So habe ich z. B. zwei sehr langjährige Freundinnen. Eine hiervon wohnt seit zig Jahren sehr weit im Norden von Deutschland. Mittlerweile ist sie verheiratet und hat zwei Kinder. Auch wenn wir nicht mehr sehr regelmäßigen Kontakt haben, so telefonieren wir doch alle paar Monate mal um auf dem Laufenden zu bleiben. Per SMS klappt das bei uns beiden einfach nicht und so versuchen wir es immer mal wieder bei der jeweils anderen, ob sie gerade Zeit und Lust auf ein Telefonat hat. Manchmal brauchen wir mehrere Anläufe um uns zu erreichen oder ein Zeitfenster zu erwischen, wo wir auch beide sprechen können; mit Kindern ja nicht immer so einfach 😉

Die andere langjährige Freundin wohnt zwar näher, aber auch hier klappt der Austausch per Schreiben nicht so flüssig. Hier greifen wir beide gerne mal zum Hörer und quatschen über die neuesten Dinge. Mit ihr treffe ich mich zwar auch alle paar Wochen mal, doch der Griff zum Hörer tut gut. Als ich im Sommer 2013 die Diagnose „mittelschwere bis schwere Depression“ erhielt und für letztendlich 9 Monate krankgeschrieben war, erhielt sie fast zeitgleich eine Krebsdiagnose und war ähnlich lange arbeitsunfähig. Damals konnten wir uns gegenseitig sehr unterstützen und haben uns jeweils ein offenes Ohr geschenkt, wenn die eine es brauchte und die andere selbst gerade genügend Kraft dafür hatte. (Wie wichtig es ist, das man jeweils auf die Kapazitäten des Gegenüber Rücksicht nimmt, habe ich hier in meinem Gastartikel zum Thema „Wann und wem ich von meiner Depression erzählt habe“ beschrieben.) Klar, es gab bei uns beiden Momente, da konnten wir nur schreiben. Einfach, weil Sprechen nicht möglich war. Zu viel Kraft kostete. Da war das Schreiben eine sehr gute Alternative. Doch es gab noch viel mehr Momente, wo ein Griff zum Hörer und die gesprochenen Worte viel mehr Nähe und Verständnis vermitteln konnten. Und auch wenn diese sehr intensive Phase nun schon fast 5 Jahre zurück liegt, greifen wir immer noch gerne zum Hörer und hören einander zu!

Doch der wichtigste Mensch, bei dem ich mich bewusst gegen meine Telefonabneigung entschieden habe, ist meine Oma. Sie wohnt schon immer sehr weit weit weg in Bayern. Bereits als Kind habe ich sie nur sehr selten gesehen und umso mehr vermisst. Während meines 9-monatigen Krankenscheins fing ich irgendwann an, meine Oma einmal die Woche anzurufen. Das hat sich mittlerweile so etabliert, dass ich jeden Sonntag nach dem ersten Kaffee die Telefonnummer meiner Oma wähle. Das ist übrigens auch die einzige Telefonnummer, die ich immer noch auswendig kann! Wir telefonieren nie besonders lang, weil meine Oma eigentlich auch nicht gerne telefoniert. Aber die in etwa  6 bis 14 Minuten jeden Sonntag sind uns sehr kostbar geworden. Wir plaudern übers Wetter, hören anhand der Stimmlage wie es der anderen geht und erzählen ein bißchen was von unserem Alltag. Nichts wildes also, aber für uns trotzdem sehr wichtig. Wenn ich in den Urlaub fahre, sage ich meiner Oma rechtzeitig Bescheid, damit sie es sich in den Kalender schreiben kann und nicht am Sonntag neben dem Telefon sitzt und auf meinen Anruf wartet. Denn, auch wenn sie sagt, dass ich ja nicht anrufen muss, so ist das schon unser wöchentliches Ritual, was für uns einfach fest dazu gehört.

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Ein Bild aus Omas Garten.

Bei allen anderen Menschen liegen mir das Schreiben oder persönliche Treffen einfach mehr. Ersatzweise mag ich die Sprachnachrichtenfunktion auch sehr gerne, weil man dann in kürzerer Zeit mehr Inhalt vermittelt bekommt und dabei sogar auch die Stimme bzw. Tonlage hört. (Die verrät meist ja doch mehr, als die eigentlichen Worte.)

Doch es gibt auch eine Person, mit der ich wirklich am liebsten SMS schreibe: mit meiner Zwillingsschwester. (Aufgrund der Technik ist es bis heute nur möglich SMS zu schreiben. Andere Nachrichtendienste funktionieren schlichtweg nicht. Durch ihre Körperbehinderung kann sie ein Handy/Smartphone nicht bedienen. Über ihren Talker (Sprachcomputer) kann sie über eine Bluetooth-Schnittstelle ein Smartphone ansteuern und so ziemlich kompliziert SMS schreiben, aber das auch nur mit einer sehr begrenzten Auswahl an Smartphones und auch nur, wenn die Technik gerade mitspielt. Laut dem Hersteller des Talkers untersagen die Krankenkassen als Kostenträger hier eine andere Art der Nutzung/Bedienung/Ansteuerung, weil der Talker ja rein zur Kommunikation dienen soll. Öhm.) Sie hat zwar auch ein Festnetztelefon, dass sie über die Infrarotschnittstelle des Talkers bedienen kann. Aber sie muss dann zwangsläufig mit Lautsprecher telefonieren, was ich eh immer, egal bei wem, anstrengend finde. Ich höre die elektronische Talkerstimme, mit der meine Zwillingsschwester spricht, nur sehr leise und so muss sie einige Sätze mehrfach sagen, bis ich sie verstanden habe. Deshalb nutze ich hierbei viel lieber die SMS-Funktion.

Wie ist das bei euch? Greift ihr gerne zum Hörer oder schreibt ihr lieber? Oder unterscheidet ihr auch bei verschiedenen Personen?

 

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade „Ruf. Doch. Mal. An.“ von Annegret auf ihrem Blog „Lieblingsmensch“ teil.

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