Wie mir ein kurzfristiger Nachsorgetermin bei meiner früheren Therapeutin aus einem Tief heraus hilft

Vor etwa drei Wochen habe ich euch schon von meinen derzeitigen Rückschritten erzählt. Ich bin in Bezug auf mein sehr stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl, meine Schuldgefühle und meine Abgrenzung wieder in alte Verhaltensmuster gefallen.

Als ich darüber schrieb, wurden mir Zusammenhänge und Ursachen bzw. Hintergründe viel deutlicher, als sie mir vor dem Tippen des Textes klar gewesen wären. Einige Tage konnte ich mit meinen Erkenntnissen arbeiten. Doch dann verschlechterte sich einiges. Meine Depression meldete sich mit deutlichen Worten zurück. Die Stimme in meinem Kopf sagte mir sehr deutlich, wie krass ich gerade versage. Die altbekannten Glaubenssätzen wurden aus der Schublade gekramt und mir um die Ohren geknallt. Außerdem beschimpfte sie mich, dass ich nicht mehr auf die Beine stelle um anderen Menschen zu helfen und dass ich mich gerade selbst zu sehr schützen wollte, anstatt andere, wichtigere Menschen zu schützen und zu unterstützen.

Meine typischen Warnsignale traten nach und nach auf und verstärkten sich von Warnsignalen zu sehr deutlichen mittelgradigen Depressionssymptomen: Herzrasen, innere Unruhe, Gedankenrasen, angespannte Muskeln am ganzen
Körper, Schlafstörungen, Selbstvorwürfe, Selbsthass, vermeintliche Aussichtslosigkeit und oberflächliche Atmung, was natürlich zu einem engen
Gefühl in der Brust führte. An meinen Unterarmen setzten bereits erste Dissoziationen ein, sodass ich manchmal keine Schmerzen/Hitze/Kälte wahrnahm. Außerdem war mein Geruchssinn stark eingeschränkt. Auch rein optisch sah man mir an manchen Tagen scheinbar deutlich an, dass es etwas nicht stimmt. Zumindest wurde ich hierauf mehrmals von außenstehenden Personen angesprochen. Meine eigentlich mittlerweile sehr erprobten Hilfsmittel, um stabil zu bleiben, waren nicht mehr ausreichend. Für mich ungewohnt war, dass ich ziemlich gut Sport machen konnte und hier sogar ein für mich ziemlich normales Niveau hatte. Von früheren depressiven Episoden kannte ich das anders.

Während ich anfangs noch dachte, ich müsse doch nun endlich nach all den Jahren stabil genug sein, um wieder mehr für andere Menschen da zu sein, wenn es ihnen schlecht geht, kippte das ziemlich schnell. Meine Depression, die mich ja meist vor negativen und überfordernden Dingen beschützen möchte, machte mir deutlich, dass ich zwar stabiler bin, aber noch längst nicht in der Lage so wie früher mal eben so einzuspringen. (In meinem Dankesbrief an meine Depression habe ich diesen beschützenden Aspekt meiner Depression ausführlicher beschrieben.) Ja, sie sagte mir sogar, dass ich dazu in der Form wie früher wahrscheinlich nie wieder in der Lage sein werde. Paradoxerweise sagte mir eine Stimme im Kopf, dass ich trotzdem meine Belange und mein Leben hinten anstellen müsse, weil ich so minderwertig sei. Sie forderte mich auf, doch endlich mehr zu tun und mehr zu helfen und überhaupt mehr mehr mehr. Doch umso mehr sie mich zu mehr aufforderte, umso deutlicher wurde meine Depression und entzog mir meine Kapazitäten. Mein inneres Kind warf sich daraufhin heulend auf den Boden und war nicht mehr ansprechbar. Leider war mein erwachsenes Ich damit etwas überfordert und fuhr in den Urlaub. Und so stand ich da, während sich meine Depression und diese negative Stimme in meinem Kopf anschrien und um mich stritten, während mein inneres Kind hilflos, gelähmt und in Erinnerungen gefangen heulend am Boden lag und mein erwachsenes Ich, das hier hätte vermittelnd eingreifen können, schickte mir Postkarten aus der Ferne.

Tja, die negative Stimme schrie am lautesten und machte mich ordentlich runter. Doch letzte Woche reichte es mir irgendwann mit diesem Lärm in mir drin und der immer stärker werdenden Depression samt aller möglichen mittlerweile krasseren Symptome. Deshalb fragte ich bei meiner früheren Therapeutin nach einem kurzfristigen Nachsorgetermin an. Zum Glück hatte gestern ein anderer Patient abgesagt, sodass ich dort reinrutschen konnte.

Diese 45 Minuten waren Gold wert. Meine Therapeutin hat sehr schnell Zugang zu meinen Gedanken und Emotionen bekommen und konnte so genau dort ansetzen, wo ich Hilfe und Unterstützung brauchte. Mit ihrer Hilfe konnte ich einige andere Blickwinkel und Herangehensweisen erarbeiten, die mir bereits während der Sitzung weiterhalfen und nun die nächste Zeit von mir weiter umgesetzt werden. Ihr therapeutischer Blick und ihre Fachkenntnis haben mir sehr geholfen, meine inneren Dialoge zu verstehen und mit ihnen anders umzugehen. Mein erwachsenes Ich ist nun aus dem Urlaub zurück und hilft sowohl meinem inneren Kind, als auch der negativen Stimme um aus ihr dieses selbstzerstörerische herauszubekommen. Die kommende Zeit werde ich hier am Ball bleiben.

Depression Tief Nachsorgetermin Therapie

Direkt nach dem Nachsorgetermin bin ich ziemlich platt eingeschlafen und habe einige Stunden gebraucht, um wieder wach zu werden. Das matschige Gefühl in mir war sehr umfassend, aber notwendig, um das Gehörte und in Angriff genommene zu verarbeiten und neue Prozesse anzustoßen. Doch obwohl ich so platt war, merkte ich eine spürbare Erleichterung. Die negative Stimme war zwar noch da, aber viel viel leiser. Meine Depressionssymptome gingen zurück und ich fühlte mich direkt etwas entspannter und hoffnungsvoller.

Klar, die Sitzung wirkt auch heute noch nach. Aber die inneren Dialoge sind nicht mehr so laut und widersprüchlich. Stattdessen schaffe ich es wenigstens zeitweise im Hier & Jetzt zu sein, was mir die letzten Wochen so gut wie nicht mehr möglich war.

Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Therapeutin so problemlos und zeitnah wegen eines Nachsorgetermins anrufen kann. Im letzten August hat sie mir so bereits einmal sehr geholfen und im Jahr davor auch. Ohne diese Möglichkeit der Nachsorge hätte sie mir nicht so schnell und effektiv helfen können, neue Herangehensweisen in Betracht zu ziehen und auch umzusetzen.

Die kommende Zeit werde ich noch mit der depressiven Episode zu tun haben, doch es geht seit gestern Mittag deutlich nach oben und ich fühle mich nicht mehr so bleischwer zu Boden gezogen.

Hilfe suchen und Hilfe annehmen hilft sehr, auch wenn die Arbeit an mir und mit mir selbst Kraft kostet.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Die Möglichkeit der Nachsorge ist wirklich eine gute Sache! Ich freue mich, dass du schon innerhalb einer Sitzung, wieder neue Blickwinkel für dich einnehmen konntest. Die Arbeit wird nicht immer einfach sein, aber ich bin sicher, dass du das packen wirst! Hast du ab und zu das Bedürfnis, wieder regelmäßig zur Therapie gehen zu wollen?Viele Grüße von Annie

    • Liebe Annie, das stimmt: die Arbeit an mir und mit mir selbst ist nie ganz einfach. Aber die letzten fast 5 Jahre haben mir gezeigt, dass es sich lohnt und dass es immer weiter geht! Zur Zeit habe ich nicht das Bedürfnis wieder regelmäßig zur Therapie zu wollen. Eigentlich schaffe ich es sehr gut, stabil zu bleiben und an den einzelnen Themen alleine zu arbeiten und hierbei auch Fortschritte zu erzielen. Und wenn es mal nicht alleine klappt, bin ich total dankbar, dass es diese Nachsorgemöglichkeit bei meiner Therapeutin gibt und dass sie mir auch wirklich so kurzfristig und zeitnah helfen kann. Liebe Grüße, Frauke

    • Hast du ein Limit oder eine Vorgabe, wie oft du zu ihr kannst? Meine Therapeutin sprach von zweimal im Quartal, falls es mit unserer Verlängerung nicht klappen sollte.Grüße von Annie

    • Das weiß ich gar nicht. Bisher hat sie noch kein Limit genannt, sondern sagt auch immer, dass ich mich auf jeden Fall melden soll, falls ich Hilfe brauche. Liebe Grüße, Frauke

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