„Was heißt Depression für mich“ – Teil 5 –

Meine Themenreihe habe ich ja gestartet, weil eine sehr liebe Freundin mich bat, ihr meine Krankheit zu erklären (ich hatte hier (klick) darüber geschrieben). Die heutige Frage ist wahrscheinlich die wichtigste für meine Freundin. Denn über sie kamen wir im Gespräch und über unsere Emails überhaupt auf die anderen Fragen.

Was heißt Depression für mich

Vergesst beim Lesen bitte nicht, dass ich hier mein eigenes Erleben und
meine eigenen Erfahrungen wiedergebe! Jeder Depressive erlebt die
Krankheit auf seine eigene Art und Weise. Die Symptome können sehr
verschieden sein. Alles, was ich zu diesem Thema schreibe, schreibe ich
als „Betroffene“. Ich habe keinen medizinischen oder sonstigen
fachlichen Hintergrund, sondern berichte von mir und meinen Erfahrungen
mit der Krankheit. Die grundlegenden Dinge, die hinter einer Depression
stecken, habe ich mir in verschiedenen Fachbüchern und im Internet
angelesen.

Was erwarte ich von meinen Freunden?

 
Ich hoffe, dass ihr an mich glaubt. An meine innere Stärke. An mich, als die Person, die ich vor der Krankheit war und hoffentlich irgendwann wieder sein werde. Ich wünsche mir, dass ihr mir Vertrauen schenkt. Dass ich nach wie vor ein liebenswerter Mensch bin, auch wenn die Depression mich mal wieder in ein Tief hinab zieht und ich mich komplett von der Welt und auch von euch zurück ziehe. Ich hoffe, dass ihr zu mir haltet, trotz all der Stimmungschwankungen und Selbstzweifel, mit denen ich in einem Tief zu kämpfen habe. Verliert nicht euren Glauben an mich.

Ich erwarte von euch keine Lösungen, Verhaltenstipps oder ähnliche
Strategien um mit der Krankheit umzugehen. Dafür habe ich meine
Therapeutin. Die hat ein Studium abgeschlossen um
damit umgehen zu können. Ihr könnt weder mich retten, noch meine
Krankheit heilen. Was ich brauche, ist das Gefühl, dass es Menschen gibt, die
mich verstehen. Die mich so akzeptieren, wie ich bin. Ob mit oder
ohne Depression.

Wenn ich mich selbst nicht leiden kann, erinnert mich daran, dass es
sich lohnt nach vorne zu schauen. Bestärkt mich, wenn ich selbst keine
Kraft dazu habe. Unterstützt mich in meinem Kampf gegen die Krankheit
und gegen die schwarzen Schatten, die sie über mein Leben wirft. Stärkt
mir den Rücken, schenkt mir Wärme und gebt mir Rückhalt, mehr erwarte
ich nicht. 

In den Phasen zwischen den Tiefs bin ich zwar ziemlich normal. Aber die Depression verändert mich. Sie macht mich nachdenklicher und ich verändere bestimmte Verhaltensweisen, die mit ein Auslöser für die Krankheit waren/sind. Das ist für euch ungewohnt, weil ich mich anders verhalte, als ihr es gewohnt seid. Ich muss mich aber in bestimmten Bereichen ändern, um dauerhaft aus der Depression heraus zu kommen. Das ist für mich nicht einfach. Für euch auch nicht. Mir ist das bewusst und ich hoffe, ihr vertraut darauf, dass ich im Herzen der selbe Mensch bin, wie vor der Depression.

Bitte sprecht mich an, wenn ihr eine negative Verhaltensänderung an mir bemerkt. Wenn ich mich unfair oder verletzend oder ignorant verhalten sollte. Wenn ich euch weh tue und es selbst nicht merke. Wenn ich mich zu sehr zurück ziehe. Wenn ich euch und euren Problemen zu wenig Aufmerksamkeit schenke. Ich bin auch nur ein Mensch mit einigen schwarzen Flecken in der Wahrnehmung, wenn es um die eigenen Person geht. Ohne euch kann ich diese schwarzen Flecken nicht entdecken. Zeigt sie mir und sprecht mit mir darüber. Fragt mich, wenn euch etwas unklar ist. Sei es an mir, an meinem
Verhalten oder an der Krankheit an sich.

Genauso erwarte ich, dass ihr mir sagt, wenn ich euch überfordere.
Ich weiß nicht, wann ich eine Grenze der Belastbarkeit bei euch
überschreite. Wenn ich zu viel fordere oder zu wenig gebe. Mein Naturell
legt mir nahe, dass ich mehr gebe, als nehme. So habt ihr mich über all
die Jahre kennengelernt. Durch die Krankheit kehrt sich das an vielen
Tagen um. Ich kann nicht mehr geben. Selbst das Nehmen fällt mir sehr
schwer. Die Depression zwingt mich, mich mit mir selbst zu beschäftigen.
Mit mir und meiner Vergangenheit, meiner Gegenwart, meiner Zukunft. Da
ist in einem Tief häufig kein Platz für einen gleichwertigen Austausch
mit Freunden. Eine Freundschaft ist ein Geben und ein Nehmen. Das weiß ich und ich
wünsche es mir. Wenn ich in einem Tief stecke, herrscht ein
Ungleichgewicht in unserer Freundschaft. Glaubt daran, dass sich das
wieder ändern wird. Und dass ich daran arbeite, dass sich das wieder
ändert. Diese Zeitspannen sind nicht nur für mich extrem
schwierig. Nein, ich weiß, dass sie euch belasten, auch wenn ich das
nicht möchte. Ich finde es schlimm, dass andere Menschen durch meine
Depression belastet werden. Aber ich kann es nicht ändern, wenn ich in
einem Tief stecke. Ich kann nur hoffen, dass ihr darauf vertraut, dass
auch das Tief vorbei geht und dass es mir und unserer Freundschaft
danach wieder besser geht.

Es bedeutet mir unheimlich viel, dass
es euch gibt und dass ihr meine Freunde seid. Wenn ich mal eine Grenze übertrete oder es euch gerade zu viel wird, dann sagt mir das
bitte! Es
ist wichtig für mich zu wissen, dass ihr irgendwo auf dieser Erde
sitzt und ich zu euch kommen/schreiben/reden kann, wenn mir danach
ist. Aber auch, dass ihr das Gleiche in meine Richtung tut
und dass ihr das auch über mich wisst!

Hier kommen die anderen Fragen und die Klicks zu den Antworten:

  • Teil 1: Depressionen bezeichnet man doch als Krankheit im Kopf? Was passiert da genau? KLICK
  • Teil 2: Hängt deine Therapie direkt mit deiner Depressionen zusammen? Warum wird deine Depression durch
    „alten Kram“ verstärkt?  KLICK
  • Teil 3: Wie fühlt sich ein Tief an? Was passiert, wenn du weinen musst? Hast
    du Angst? Wodurch wird dieses Bedürnis ausgelöst? Hast du
    dabei auch Kopf- oder andere körperliche Schmerzen?  KLICK 
  • Teil 4: Wie ist dein Alltag mit deiner Depression, wenn du kein Tief hast? Merkst du die Krankheit dann auch?   KLICK 
  • Teil 6: Warum machst du während eines Tiefs so viele Ausflüge?   KLICK 
  • Teil 7: Wie sieht die Welt aus deinen Augen in Tiefphasen aus?   KLICK

24 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Das hast du wunderschön formuliert! Ich wünsche dir und deinen Freunden, dass ihr einen gemeinsamen Weg findet,um mit all dem neuen und anderen,das deine Krankheit mit sich bringt umzugehen. Fühl dich lieb gedrückt! <3
    Liebe Grüsse Alizeti

  2. Hi Frauke, ups das ging mir ganz schön nahe und es trifft es auf den Punkt. LG und wie du so schön geschrieben hast zum Abschluß: Du darfst kommen, reden, schreiben. Stefan May

    • Ach lieber Stefan! Es freut mich sehr von dir zu lesen! Und noch mehr freu ich mich über deine lieben Worte! Liebe Grüße,
      Frauke

  3. Liebe Frauke,
    einen ganz dicken Drücker auch von mir. Du schreibst so offen über diese Dinge – das allein verdient großen Respekt. Und eine ganz liebenswerte Person bist du sowieso. Ehrlich.
    Ganz, ganz liebe Grüße
    Christiane

  4. Liebe Frauke,
    das ist eine tolle Reihe gewesen. Nicht nur super interessant, sondern vor allem auch bewegend. Vor allem bei diesem Post sind mir gerade richtig die Tränen in die Augen geschossen. Ich finde es toll, dass du die Reihe geschrieben hast und ich glaube, viele andere Menschen, die ebenfalls an Depression leiden, werden das lesen und sich selbst ein bisschen besser verstehen. 🙂
    Ganz ganz liebe Grüße, Kathy

    • Liebe Kathy, die Reihe ist (wahrscheinlich) noch nicht zu Ende 😉
      Ich freu mich sehr, dass du aus meinen Worten etwas mitnehmen kannst!
      Liebe Grüße und bis bald!
      Frauke

  5. Liebe Frauke,
    getz hattich n bissken Pipi im Äugsken… ich lese Deinen Blog generell gerne. Aber diese Reihe ist wirklich, WIRKLICH toll, und zwar jedes Mal auf's neue. Mach weiter so und fühl Dich gedrückt…
    Lieben Gruß
    Sonja

    • Liebe Sonja,
      ich bin sehr froh, dass wir uns über das Internet bzw. die Blogowskis kennengelernt haben!
      Auf ein baldiges Wiedersehen!
      Liebe Grüße, Frauke

  6. Wie immer: Daumen hoch für einen tollen Beitrag!

    Liebe Grüße,
    Mirjam

    (Mail-Dings: bloß keinen Zwang, ich nehm mir auch immer die Zeit die ich brauche um mit Muße auf Mails zu antworten! Also bitte keine falschen Pflichtgefühle! 😉

  7. Ja was soll ich sagen, außer, wie immer, wie toll ich es finde, dass Du das hier machst Frauke! Und es können mit Sicherheit viele sehr hilfreiche und wichtige Informationen daraus ziehen. Toll! Vor allem auch, mal zu lesen, wie man sich als "aussenstehende" Person verhalten soll, darf und kann! Danke! Drückerchen,Nina

    • Liebe Nina!
      Lieben Dank für deine lieben Worte! Positive Reaktionen auf meinen sehr persönlichen Text tun sehr gut!
      Liebe Grüße,
      Frauke

  8. Frauke, ich kann nichts schreiben, was oben nicht schon geschrieben wurde… aber ich kann es einfach noch mal bestätigen… und in / nach solchen Schüben, weißt du, wer deine wirklich Freunde sind… wer kann damit umgehen, "zurückgewiesen" zu werden (dabei ist es ja nicht mal als Zurückweisung gemeint – aber es kann halt so ankommen…) – ich stimme dir: besondern hilfreich sind Freunde, die an dich glauben – selbst wenn du selber nicht (mehr) an dich glaubst… vielen lieben Dank einmal mehr für deine offenen Worte!

    • Liebe Marion!
      Ich freu mich sehr, dass ich dich über das Bloggen gefunden haben. Weil wir uns scheinbar sehr ähnlich sind! Und weil wir ähnlich oder auch gleiche Erfahrungen gemacht haben und sicherlich noch machen werden…
      Auf alles weitere, was uns so in unserem Leben noch passiert, bin ich auf jeden Fall schon sehr gespannt!
      Liebe Grüße,
      Frauke

  9. Hallo Frauke,
    Ich habe deine Serie auch verschlungen, da diese Krankheit für mich sehr interessant ist.
    Ich wurde zum Glück verschont, aber in meiner Familie kommt das vor.

    Ich wollte noch loswerden, du hast einen tollen Schreibstil! Vielen Dank für die offenen Worte. Da hast du auch meinen ganzen Respekt. Du bist bestimmt eine tolle Freundin. Auch wenn du einen "Specialeffekt" besitzt. Das macht dich nur noch wertvoller.

    Ich stelle mich also auch gerne in die Schlange der Leute, die dich alle drücken und knuddeln wollen.
    🙂

    Liebe Grüße,
    Britta

    • Liebe Britta!
      Es ist schön, dass du zu mir gefunden hast und vor allem, dass dir meine Themenreihe gefällt 🙂
      Danke für dein Lob!
      Als "Specialeffekt" hab ich meine Krankheit bzw. deren Auswirkungen auch noch nicht betrachtet. Sehr guter Ansatz! Den merk ich mir auf jeden Fall 😀
      Liebe Grüße,
      Frauke

  10. was gäbe ich dafür, wenn meine *Freunde* diese lesen würden! Das gleiche gilt für meinen Ehemann. Eigentlich für alle aus meinem nahen Umfeld.Du sprichst mir aus der Seele! Genau so möchte ich es meinen Freunden – die weg sind – gerne sagen. bzw. wollte.Ich hoffe, deine Freunde sind dir geblieben und sie haben es gelesen!Habe deinen Blog u diesen Beitrag auf Facebook geteilt. Hoffe das ist ok für dich!Fühl Dich lieb umarmt!Melle von Seelentief

    • Hallo Melle, ich freue mich sehr, wenn meine Texte geteilt werden! Vielen Dank dafür! Ich wünsche dir, dass du auf (mehr) Verständnis triffst, als du es jetzt gerade tust! Liebe Grüße, Frauke

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