„Was heißt Depression für mich“ – Teil 3 –

Heute komme ich zu der Frage, wie sich ein depressives Tief für mich anfühlt und was das Weinen bzw. die Krankheit in diesen Momenten mit mir macht.

Was heißt Depression für mich

Vergesst beim Lesen bitte nicht, dass ich hier mein eigenes Erleben und
meine eigenen Erfahrungen wiedergebe! Jeder Depressive erlebt die
Krankheit auf seine eigene Art und Weise. Die Symptome können sehr
verschieden sein. Alles, was ich zu diesem Thema schreibe, schreibe ich
als „Betroffene“. Ich habe keinen medizinischen oder sonstigen
fachlichen Hintergrund, sondern berichte von mir und meinen Erfahrungen
mit der Krankheit. Die grundlegenden Dinge, die hinter einer Depression
stecken, habe ich mir in verschiedenen Fachbüchern und im Internet
angelesen.
 

Wie fühlt sich ein Tief an? 

Wenn ich in einem richtigen
Tief drin bin, dann ist alles um mich herum schwarz. Ich
sehe keinen Grund zur Freude oder zum Lachen. Es gibts
nichts lebenswertes mehr um mich herum. Meine Emotionen sind zu
Stein geworden. Ich heule und das ist eines der wenigen
Dinge, die ich noch spüre. 

Es kommen immer wieder sehr
negative Gedanken hoch, die in verschiedene, aber doch
immer sehr schlimme Richtungen gehen:

  • „Jetzt stell dich nicht so an. Dir geht es doch eigentlich
    gut.“
  • „Du bist nichts wert.“
  • „Niemand mag dich. Erst recht nicht, wenn du wie ein
    Versager die ganze Zeit nur heulst.“
  • „Was hast du schon erreicht?“
  • „Du bist zu nichts nutze.“
  • „Du machst alles falsch und versagst bei allem.“
  • „Was hat das hier eigentlich alles für einen Sinn?“
  • „Das wird immer schlimmer mit dir. Wo soll das nur mal
    enden?“

Das sind ganz typische Sätze, die die Depression bei
vielen Menschen hervorbringt. (Aber auch wenn man mit der
Einnahme von Anti-Depressiva beginnt, können diese
Gedanken kommen oder sogar noch sehr verstärkt werden.
Deswegen wird auch in den Anfangstagen der Einnahme schon
in der Packungsbeilage geraten, bei den ersten Anzeichen
eines Selbstmordgedanken in eine Klinik zu gehen. Klingt
eigentlich ganz schön verrückt. Die Medikamente, die
solche Dinge verhindern sollen, können sie noch
verstärken.) Die Depressionsstimme bringt immer wieder sehr negative Gedanken in meinen Kopf rein und wiederholt sie ohne Ende und ohne Unterlass. In einem Tief ist es sehr schwer für mich, diese Stimme zu ignorieren oder zu überhören. Sie ist überlaut und schreit mich schon fast an.

In einem solchen Tief verliere ich den Boden unter den
Füßen. Ich sehe kein Ende des Tiefs und alles um mich
herum belastet mich. Ich ertrage dann keine Menschen,
keine äußeren Reize. Selbst die Hunderunden mit Mina
fallen mir sehr schwer, weil ich mich überfordert fühle und mir die Reize außerhalb meiner Wohnung zu viel sind. Sie überfordern mich.
Helligkeit fühlt sich schmerzhaft an. Es ist fast, als
wenn ich zu einem tagesscheuen Vampir geworden wäre.
 
Einfachste Alltagshandlungen fallen mir zur Last. Es
kann vorkommen, dass ich tage-/wochenlang nicht putze oder
spüle. (Für mich ist das sehr untypisch, weil mir eine
saubere Wohnung eigentlich sehr wichtig ist. Aber ich
fühle mich beim Anblick des dreckigen Geschirrs von der
Aufgabe des „Spülens“ so erschlagen, dass ich es nicht
schaffe, mit dem Spülen anzufangen.)
Eine riesige Antriebslosigkeit erfasst mich und ich bin
selbst von den kleinsten Anforderungen überfordert. 

Alles kostet sehr viel Kraft und alles ist sinnlos. Ich
bin nutzlos, wozu sollte ich nun also diese riesige Kraft
aufbringen, aufzustehen? Wem nützt das? 

Natürlich ziehe ich mich dann auch von meinen Freunden und
meiner Familie zurück. Zum einen kann ich mir nicht
vorstellen, was sie mit mir in der Verfassung anfangen
sollen. Meine Depressions-Stimme im Kopf flüstert mir dann Dinge ins Ohr, wie zum Beipiel, dass ich ihnen zur Last fallen würde, wenn ich so ein heulendes Häufchen Elend bin. Ich
bin in einem solchen Tief mit einfachen
sozialen Handlungen überfordert. Das sind dann für mich
neue äußere Reize, die mich überfordern könnten und es teils auch wirklich tun. Wie soll ich nach außen hin eine normale soziale Interaktion pflegen, wenn in mir drin so gut wie keine Emotionen mehr spürbar sind?

Ich ziehe mich dann in meine Wohnung zurück. Dort fühle
ich mich sicher. Mina ist bei mir und tröstet mich mit
ihrem weichen Fell und ihrem lieben Blick. Manchmal
schaffe ich es zu lesen oder mich mit Fernsehen zu
„unterhalten“. Manchmal ist aber selbst das zuviel und ich
schlafe sehr viel. Schlaf ist so herrlich reizarm.  

Was passiert, wenn du weinen musst? Hast du Angst? Wodurch wird dieses Bedürnis ausgelöst? Hast du
dabei auch Kopf- oder andere körperliche Schmerzen?

 
Nein, Angst habe ich nicht.
Viel eher ist es das letzte Warnsignal meines Körpers,
auf das ich höre und mir dann wirklich eingestehe, dass
grad nix mehr geht. Einfach weil mir gerade alles zu viel
ist. Weil ich mich selbst überfordert habe, indem ich mir
zu viel zugemutet habe. 

Weinen ist für mich etwas sehr schlimmes. Ich fühle mich
schutzlos und ausgeliefert. Ich stelle mich bloß. Weinen
ist eine Schwäche. So fühlt es sich zumindest für mich an.
Aber umso mehr ich versuche, diese Schwäche zu
unterdrücken bzw. zu verheimlichen, umso stärker wird das
Heulen. Je mehr ich mich weigere zu heulen, umso stärker
und intensiver wird es. 

Doch bevor es so weit ist, gibt mein Körper mir
(eigentlich genügend) andere Warnsignale. Es fällt mir nur
schwer, diese zu beachten. Weil ich lieber denke, ich
hätte alles im Griff und eigentlich gehts mir doch gut.
Nun bin ich gerade dabei, diese Warnsignale zu bemerken,
zu beachten und auf sie zu reagieren. Das ist
übrigens auch ein Teil, den wir in der Verhaltenstherapie
erarbeitet haben. Vorher war mir dieser Ablauf gar nicht
bewusst. Und schon gar nicht war mir bewusst, was mein
Körper eigentlich alles an Anstrengungen unternimmt um mir
mitzuteilen: „Ey, hallo! Das ist dir hier grad alles zu
viel. Schalt mal einen Gang zurück!“

Die Vorstufen zum Heulen sehen bei mir so aus, dass ich
innerlich unruhig werde. Mein Körper spannt sich an und
verkrampft sich. Besonders deutlich merke ich das im
Schulter- und Rückenbereich. Ich bekomme Herzrasen und meine Gedanken rasen hin und her. Das
sind alles ganz typische Warnsignale auf Stress, so wie
jeder sie kennt. Aber kaum jemand beachtet sie. Im
Normalfall klingen sie auch nach einer stressigen
Situation recht schnell ab. Aber bei mir kommen sie, um
mir zu zeigen, dass ich gerade nicht mehr kann. Dass ich
eine Pause einlegen muss. Die Symptome kenne ich schon
lange. Doch habe ich sie nie beachtet. Irgendwann sind sie
ja immer wieder veschwunden. Doch seit ich die Depression
habe, werden sie stärker und treten früher auf. 

Das liegt daran, dass ich seit der Krankheit nicht mehr so
belastbar bin. Früher habe ich mir zu viel abverlangt und
meine Kraftreserven sind so gut wie leer. Dadurch komme
ich viel schneller an meine Grenzen, als ich es von früher
gewohnt bin. Außerdem sind verminderte Leistungsfähigkeit
und Konzentrationsprobleme typische Krankheitssymptome
einer Depression. Es verdoppelt sich bei mir also. Die
Kraft, die mir eh schon fehlt, weil ich sie früher mit
beiden Händen ausgeschöpft habe, wird durch die Depression
noch weiter reduziert. 

Sogar beim Autofahren merke ich das. Früher konnte ich
locker weite Strecken am Stück fahren. Heute sinkt meine
Konzentration schon nach einiger Zeit auf der Autobahn und
ich muss häufig Pausen einlegen. 

Nun müsste ich ja nur einfach auf die ersten Warnsignale
meines Körpers hören und z. B. beim Einsetzen der inneren
Unruhe einen Gang zurückschalten. Wenn das mal so einfach
wäre… Das ist ein langer Lernprozess, der beim Erkennen
der Signale anfängt. Sobald ich die Signale bemerke, muss
ich eine Gegenmaßnahme ergreifen. Dies kann sein, dass ich
mir einen Tee koche, dabei tief ein- und ausatme und mich
auf das Hier und Jetzt konzentriere. Oder auch, dass ich
ein paar Yoga-Übungen mache, um nur bei mir selbst zu sein
und die Außenwelt für einen Moment zu vergessen. Zur
Sicherheit habe ich die Warnsignale und die möglichen
Lösungswege auf einem kleinen Karteikärtchen stehen, das
ich mit mir herum trage. 

Doch das alte Verhaltensmuster
ist mir so vertraut: einfach weitermachen, wird schon
wieder werden. Dass ich mir nun ein alternatives
Verhaltensmuster zulege und dieses in meinem Alltag auch
situativ angemessen anwende, dass ist schwierig. Alte
Pfade sind vertraut. Neue sind ungewohnt und steinig. Es
stellt sich nicht direkt ein Belohnungsmoment ein. Immer
wieder tappe ich in alte Muster. Es wird noch einige
Monate dauern, bis ich mich an neue Verhaltensmuster
gewöhnt habe… 

Hier kommen die anderen Fragen und die Klicks zu den Antworten:

  • Teil 1: Depressionen bezeichnet man doch als Krankheit im Kopf? Was passiert da genau? KLICK
  • Teil 2: Hängt deine Therapie direkt mit deiner Depressionen zusammen? Warum wird deine Depression durch
    „alten Kram“ verstärkt?  KLICK
  • Teil 4: Wie ist dein Alltag mit deiner Depression, wenn du kein Tief hast? Merkst du die Krankheit dann auch?   KLICK
  • Teil 5: Was erwarte ich von meinen Freunden?    KLICK
  • Teil 6: Warum machst du während eines Tiefs so viele Ausflüge?   KLICK  
  • Teil 7: Wie sieht die Welt aus deinen Augen in Tiefphasen aus?   KLICK

10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frauke,
    wieder ein sehr ehrlicher Text. Ich bin mir sicher, dass sich andere Betroffene (zumindest teilweise) darin wieder erkennen und (bei denjenigen, die davon noch nichts gehört haben)sich eventuell über die Möglichkeiten einer Verhaltenstherapie informieren.
    Ich finde mich so sehr in der Problematik der alten Verhaltensmuster wieder… es ist wirklich mühsam, nicht wieder alte Pfade einzuschlagen. Aber wenn die ersten Erfolgserlebnisse da waren, fällt es leichter.
    Ich schicke Dir eine feste Umarmung!
    LG, Sonja

    • Liebe Sonja!
      Diese verflixte Verhaltensmuster… Wenn die alten Wege einfacher zu verlassen und neue leichter einzuschlagen wären… Ich drück uns beiden die Daumen, dass wir lernen, dauerhaft die gesünderen Wege beizubehalten!
      Ich wünsch dir einen schönen Sonntag!
      Liebe Grüße,
      Frauke

  2. Liebe Frauke, vielen Danl für deine ehrlichen Worte! Ich stelle mir dieses Tief sehr anstrengend vor. Aber ich denke mir auch, dass dir gerade Mina in diesen Situationen hilft, dass du auch nicht ganz alleine bist. Ich wünsche dir viel Kraft dabei, dass du die Warnsignale früh genug erkennst und auf deinen Körper und dich hörst. Darf ich dich fragen wie viel Prozent du arbeitest? Und wie ist es,wenn du in so einem Tief bist,wirst du dann krankgeschrieben oder kommt da das alte Verhaltensmuster durch und du sagst dir"Nein das geht schon,stell dich nicht so an"?
    Liebe Grüsse Alizeti

    • Liebe Alizeti!
      Diese Tiefs sind wirklich immer sehr anstrengend und Kräfte zehrend. Mina ist mir eine sehr große Stütze und die kleine süße Maus gibt mir sehr viel wieder!
      Ich arbeite 30 Stunden/Woche, statt die bei uns sonst üblichen 38 Stunden/Woche Vollzeit. Mehr würde ich gerade auch nicht dauerhaft schaffen.
      Wenn ein Tief anfängt, dann bin ich immer noch so, dass ich versuche durchzuhalten und es irgendwie zu überspielen. Was mir (mit klarem Kopf) völlig utopisch erscheint. Ein Tief ist da und es ist da und es möchte beachtet werden. Wenn dann nix mehr geht, dann lasse ich mich krank schreiben. Das war seit meiner Reha Anfang des Jahres aber erst vor kurzem einmal für zwei Wochen nötig. Die übrige Zeit dazwischen war ich echt recht stabil. Ich hoffe, die kommende Zeit stabilisiert sich meine Depression weiter. Gerade fühlt es sich so an!
      Ich wünsch dir ein schönes Wochenende!
      Liebe Grüße,
      Frauke

    • Liebe Frauke,vielen Dank für deine Antwort. Schön, dass dir die Mina sehr viel geben kann!! Das ist einfach Gld wert. Ich drück dir ganz fest die Daumen, dass sich deine Depression stabilisiert!! Ich würde es dir so sehr wünschen <3
      Fühl dich ganz lieb gedrückt!
      Liebe Grüsse Alizeti

  3. Liebe Frauke, ich kann nur immer wieder sagen, dass Du auf einem sehr sehr guten Weg bist.Ich denke, auch dass Du darüber hier so ehrlich und öffentlich schreibst hilft Dir ungemein, daher drücke ich Dich jetzt mal ganz feste! Liebe Grüße,Nina

    • Liebe Nina!
      Das Bloggen im Allgemeinen und das Schreiben über meine Depression im Speziellen helfen mir sehr. Beim Schreiben dieser Themen-Reihe setze ich mich nochmal ganz anders mit meiner Krankheit auseinander und das hilft mir gerade sehr, mich bzw. diese Krankheit weiter zu verstehen und zu akzeptieren.
      Ich wünsch dir einen schönen Sonntag!
      Liebe Grüße,
      Frauke

  4. WOW… was für ein ehrlicher, offener Beitrag… und du beschreibst sehr gut, was "in einem" vorgeht… ich kenne das… klammere das auf meinem Blog (direkt) aber bewusst aus… aber es gibt Wochen oder gar Monate, wo ich gar nichts geschrieben habe… Rate mal, welche Phasen das waren?? Ich sammle in meinem Blog die schönen Stunden… und gerade gestern habe ich beschlossen, ein "offline Sternstunden-Buch" zu beginnen… das werde ich mir dann hoffentlich bei den ersten Warnzeichen greifen… und dann schwarz oder bunt auf weiß sehen, dass ich nicht nutz- und wertlos und alleine bin… frau greift halt zu jedem Strohhalm… unser Hund und auch die Kinder haben in meinen dunklesten Zeiten viel Kraft gekostet – aber auch geschafft, dass ich mich öfter aufgerafft habe, als ich es eigentlich für möglich gehalten habe… was für eine verteufelte Krankheit – die die wenigsten als "Krankheit" kennen… danke für deine offenen Worte!!

    • Ich habe auch lange gebraucht, bis ich über meine Depression so offen schreiben konnte. Aber nun tut es mir sehr gut und ich kann viel für mich reflektieren. Der Austausch mit Menschen, wie dir, tut mir auch sehr gut!
      Es ist erstaunlich, wie viele Menschen im Grunde "betroffen" sind und von wie wenigen man es weiß. Aber ich verstehe sehr gut, dass du es auf deinem Blog bewusst ausklammerst!
      Ich finde es sehr schön, dass dein Hund und deine Kinder dir so viel Kraft geben konnten, wenn es dir mal (wieder) nicht so gut ging!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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