„Was heißt Depression für mich“ – Teil 2 –

Nachdem es im ersten Teil um die körperlichen Symptome einer Depression und die damit zusammenhängenden Abläufe im Gehirn ging (klick), komme ich heute zur zweiten Frage. Im Grunde sind es zwei Fragen, die ich aber zusammen beantworte. 

Was heißt Depression für mich

Vergesst beim Lesen bitte nicht, dass ich hier mein eigenes Erleben und
meine eigenen Erfahrungen wiedergebe! Jeder Depressive erlebt die
Krankheit auf seine eigene Art und Weise. Die Symptome können sehr
verschieden sein. Alles, was ich zu diesem Thema schreibe, schreibe ich
als „Betroffene“. Ich habe keinen medizinischen oder sonstigen
fachlichen Hintergrund, sondern berichte von mir und meinen Erfahrungen
mit der Krankheit. Die grundlegenden Dinge, die hinter einer Depression
stecken, habe ich mir in verschiedenen Fachbüchern und im Internet
angelesen.

Hängt deine Therapie direkt mit deiner Depressionen zusammen? Warum wird deine Depression durch
„alten Kram“ verstärkt?  

Ja, meine Therapie steht im direkten Zusammenhang mit meiner Depression. 

Die psychologischen
Erklärungsansätze für eine Depression zielen in die
Richtung, dass die depressiven Gefühle, Gedanken und
Verhaltensweisen eine tiefergehende Ursache haben. Alles,
was wir in unserem bisherigen Leben erlebt haben,
hinterlässt Spuren in unserer Psyche. Egal, ob positives
oder negatives. Diese Prägungen bestimmen unser Bild von
uns selbst, unserem Handeln und auch, wie wir die Welt um
uns herum wahrnehmen. Somit bestimmt unsere Vergangenheit
auch immer einen Teil unserer Gegenwart. 

Selten
führen allein aktuelle Belastungen zu einem Ausbruch einer
Depression. Vielmehr ist es so, dass längst vergangene
und zum Teil vergessene Ängste, Belastungen und Gefühle in
uns „weiterkochen“. Das heißt, dass wir die aktuellen
Situationen mit den dazugehörigen
Gefühlen/Ängsten/Handlungen als eine Wiederholung von
früheren Erfahrungen wahrnehmen bzw. dementsprechend
handeln. Häufig geschieht dies natürlich unbewusst, ohne
dass wir aktiv auf die früheren Erlebnisse Bezug nehmen
(können). Die zurückliegenden Ereignisse sind
vielleicht sehr lange Zeit erfolgreich aus unserem Bewusstsein
verbannt worden und hinter Schloss-und-Riegel-gesperrt.
Aktuelle Verlusterfahrungen oder Stresssituationen drängen
uns in unserem Erleben aber wieder zurück in die damaligen
Situationen mit den damals empfundenen Gefühlen. Diese
„alten“ Gefühle werden dann in der Gegenwart neu
durchlebt. Weil sie aber nicht in unser jetziges
(Erwachsenen-)Alter passen und in dieser Intensität auch
nicht zu der gegenwärtigen Situation, werden sie als
bedrohlich empfunden.

Ich habe 2 Jahre eine tiefenpsychologische Psychotherapie
gemacht, die genau hier ansetzen soll. Tiefenpsychologen
sehen eine Depression als die Folge einer früheren
negativen Erfahrung, die unsere Gefühls- und Gedankenwelt
geprägt hat. Eine aktuelle Situation (eine Krise, ein Verlust,
eine Kränkung oder vielleicht auch nur die Angst vor einem
Ereignis dieser Art) passt in diese vor langer Zeit
entstandene Prägung und kann deshalb eine Depression
auslösen.

Die Depression dient häufig als eine Art „Notbremse“, eine
Art „Schutzmechanismus“. In der Gegenwart empfindet man eine Situation als gefährlich. Durch die Depression kann man sich dann aus der aktuellen „Gefahr“ herausziehen. 

Außerdem kann die Depression dazu dienen,
das bisherige Handeln zu hinterfragen und sich selbst mit
seinen Gefühlen, seinen Handlungen etc. bewusst
auseinander zu setzen. Somit kann die Depression als eine
Art Neuorientierung dienen, weil man während der Therapie
sehr viel hinterfragt, beleuchtet und sein Handeln zum
Teil in zum gewissen Bereichen in großem Maße ändert. Weg von dem Vermeidenden,
Verdrängenden, Ausweichenden. Hin zu einer offeneren,
gesünderen Handlungsweise. Gesünder sowohl für die Psyche,
als auch für den Körper. 

Seit einiger Zeit bin ich nun bei einer
Verhaltenstherapeutin. Hier ist der Ansatz der, dass eine
Depression ein Ausdruck eines „fehlerhaften“ Lernprozesses
sein kann. Dadurch wird man verletzlich und eben auch
anfälliger für eine Depression. Lernen geschieht
vordergründig über „Verstärkungen“. Jeder verhält sich so,
dass sein Verhalten für ihn positiv verläuft und deshalb
ein Anreiz entsteht Verhaltensmuster zu wiederholen, wenn
diese eine positive Verstärkung erfahren. Doch bei einer
Depression wird man unfähig sein Verhalten so zu steuern,
dass es zu positiven Verstärkern kommt. Bisher
erfolgreiche Verhaltensmuster erhalten keine „Verstärker“.
Dieses Fehlen von positiven Verstärkern kann weiter
depressiv machen, denn die nun unweigerlich negativen
Erfahrungen nehmen immer mehr zu, während die positiven
Verstärker immer weiter abnehmen. 

Negatives Denken
bestimmt dadurch immer mehr das Handeln, das zwangsläufig auch
negativ werden wird. Zum Beispiel wenn ich denke: „ich
schaffe das nicht“, dann werde ich die vor mir liegende
Arbeit auch nicht schaffen. Einfach weil diese Einstellung bereits
im Gehirn verankert ist und sich auf mein Handeln
überträgt. Dieses Versagen verstärkt nun die negative
Erfahrung und führt zu einer „negativen Verstärkung“. Über
kurz oder lang wird dieses Verhaltensmuster zu einem
Teufelskreis. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, muss
ich mein Handeln, mein Denken und mein Fühlen
hinterfragen und neu ausrichten. Das ist sehr anstrengend
und gerade am Anfang gibt es immer wieder Rückschläge.
Vieles fühlt sich falsch an, weil es ungewohnt ist und anfangs die
positiven Verstärker noch fehlen. Altbekannte Muster sind
bequemer und halt eben auch bekannt. Der Mensch ist sehr
gern ein Gewohnheitstier…

Doch genau hier heißt es für mich: am Ball bleiben! Es ist nicht immer einfach und vieles kostet mich sehr viel Kraft. Kraft, die mir an anderer Stelle in meinem Alltag momentan fehlt. Deshalb bin ich zur Zeit in anderen Bereichen meines Lebens eingeschränkter, einfach weil meine Energie durch das permanente Hinterfragen/Ändern/etc. sehr stark abgebaut wird. Alles in allem hoffe und glaube ich aber, dass sich das irgendwann wieder dreht. Wenn die neuen Verhaltensmuster bei mir in Fleisch und Blut übergegangen sind, werde ich für sie nicht mehr so viel Energie benötigen. Und dann werde ich auch wieder an anderer Stelle mehr Kraft zur Verfügung haben. 

Hier kommen die vorigen Fragen und die Klicks zu den Antworten:

  • Teil 1: Depressionen bezeichnet man doch als Krankheit im Kopf? Was passiert da genau? KLICK
  • Teil 3: Wie fühlt sich ein Tief an? Was passiert, wenn du weinen musst? Hast du Angst? Wodurch wird dieses Bedürnis ausgelöst? Hast du
    dabei auch Kopf- oder andere körperliche Schmerzen?  KLICK 
  • Teil 4: Wie ist dein Alltag mit deiner Depression, wenn du kein Tief hast? Merkst du die Krankheit dann auch?   KLICK 
  • Teil 5: Was erwarte ich von meinen Freunden?    KLICK
  • Teil 6: Warum machst du während eines Tiefs so viele Ausflüge?   KLICK  
  • Teil 7: Wie sieht die Welt aus deinen Augen in Tiefphasen aus?   KLICK 

Wenn ihr zu
der Frage noch Folgefragen oder auch völlig neue Fragen habt, dann
schreibt sie einfach unten in einen Kommentar rein! Ich werde versuchen, jede Frage zu beantworten, soweit sie nicht zu tief in einen persönlichen Bereich von mir fällt. 

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frauke,

    auch dieser zweite Teil Deiner Reihe ist wieder sensibel und informativ geschrieben. Ich bewundere Dich dafür, dass Du diese Mischung so gut hinbekommst.

    Und es ist wirklich interessant mal eine andere Perspektive zu bekommen. Danke dafür!

    Liebe Grüße
    Nicole

  2. es ist aber wirklich so. denkt man " das klappt nicht " oder "ich kanns nicht" oder oder oder….passiert komischerweise genau DAS! Ich hab neulich ein interessantes buch über das unterbewusstsein gelesen und die gedanken spielen so eine grosse rolle, man glaubt es kaum. ist halt nur nicht so einfach mal eben den schalter umzulegen gell? sei ganz lieb gegrüsst frauke, nina

    • Oh ja, wenn der Schalter nur so einfach umzulegen wäre… Da tut sich, glaub ich, jeder echt schwer mit, oder?! So liebe, alte Gewohnheiten und Gedanken abzulegen, das ist nicht leicht…
      Liebe Grüße,
      Frauke

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