„Was heißt Depression für mich“ – Teil 1 –

Vor kurzem hat mich eine liebe Freundin gebeten, ihr meine Depression zu erklären. In ihrem Kopf waren viele Fragezeichen und so haben wir ein Interview-per-Email gestartet. Sie hat mir eine Reihe von Fragen per Email geschickt und ich beantworte sie nach und nach. Erstaunlicherweise waren da Fragen bei, auf die ich im Leben nie gekommen wäre. Einfach, weil die Antworten für mich als Betroffene so selbstverständlich sind.

Und weil ich mir vorstellen kann, dass vielen Menschen, die keine Depression haben, der Zugang zu der Krankheit fehlt, veröffentliche ich die Fragen mit meinen Antworten nach und nach hier auf meinem Blog. Rechts in der Sidebar findet ihr nun auch einen Button, über den ihr alle Blogposts gesammelt aufrufen könnt, die zu dieser Themenreihe gehören:

Was heißt Depression für mich

Heute fang ich mit der ersten Frage an. Bei ihr geht es um grundsätzliches zu der Krankheit. In der kommenden Zeit veröffentliche ich nach und nach die weiteren Fragen.

Vergesst beim Lesen bitte nicht, dass ich hier mein eigenes Erleben und meine eigenen Erfahrungen wiedergebe! Jeder Depressive erlebt die Krankheit auf seine eigene Art und Weise. Die Symptome können sehr verschieden sein. Alles, was ich zu diesem Thema schreibe, schreibe ich als „Betroffene“. Ich habe keinen medizinischen oder sonstigen fachlichen Hintergrund, sondern berichte von mir und meinen Erfahrungen mit der Krankheit. Die grundlegenden Dinge, die hinter einer Depression stecken, habe ich mir in verschiedenen Fachbüchern und im Internet angelesen.

Depressionen bezeichnet man doch als Krankheit im Kopf? Was passiert da genau?

Eine Depression ist eine Störung der Gefühls- und Gemütswelt. Folgende Anzeichen können dabei auftreten:

  • Emotionale Anzeichen: gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit,
    Niedergeschlagenheit, Hilfsloigkeit, Traurigkeit,
    Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Angst, etc.
  • Kognitive Anzeichen: Grübeln, Konzentrationsprobleme,
    verminderte Leistungsfähigkeit, negative Sicht auf die
    eigenen Person, die Vergangenheit und die Zukunft,
    Suizidgedanken, etc.
  • Somatische Anzeichen: verminderter oder gesteigerte
    Appetit, Libidoverlust, Schlafstörungen, leichte
    Ermüdbarkeit, etc. 
  • Motorische Anzeichen: allgemeine Aktivitätsminderung bis
    hin zu völliger Regungslosigkeit
  • Motivationale Anzeichen: Antriebslosigkeit,
    Interessenlosigkeit, Entschlussunfähigkeit, Vermeidung,
    Rückzug, etc.

Die Krankheit kann in jedem Lebensalter auftreten. Am häufigsten
zeigt sie sich wohl im 3. Lebensjahrzehnt (wie bei mir). Sie
kann episodisch, saisonal oder chronisch verlaufen.

Häufig wird Antidepressiva von einem Arzt/Facharzt verordnet. Sie wirken unterschiedlich stark
stimmungsaufhellend, antriebssteigernd und anxiolytisch (Angst-
und Spannungszustände werden gelöst bzw. gedämpft). Gerade in
den ersten 2 – 3 Wochen der Einnahme können Nebenwirkungen
auftreten. Bei mir waren das Mundtrockenheit, Schwindel,
Übelkeit, ständige bleierne Müdigkeit. Es können aber noch ganz
andere Nebenwirkungen auftreten, die bis hin zu Suizidgedanken
führen.

Die Rückfallhäufigkeit in eine Depression liegt bei etwa 50 – 60
% und steigert sich mit jeder neuen Episode.

Doch was geschieht im Gehirn selbst? Im Normalfall sind bei uns
im Gehirn etwa 100 Milliarden Nervenzellen miteinander
verbunden. Vereinfacht gesagt besteht jede dieser Nervenzellen
aus einem Zellkörper und einer Art Leitung, die zu anderen
Zellen führt und mehrmals verzweigt. Durch diese Verzweigungen
kommen die Zellen in Kontakt mit anderen Zellen. Über dieses
System werden unsere Wahrnehmung, Denken, Handeln, Fühlen und
unser gesamtes System der körperlichen Funktionen geregelt.
Die einzelnen Funktionskreise stehen untereinander in
Verbindung und tauschen sich aus. Dies geschieht über
Botenstoffe (Neurotransmitter), die elektrische Impulse von
einer Nervenzelle zur nächsten weiterleiten. In der ersten Zelle
entsteht also ein elektrischer Impuls, der über einen chemischen
Prozess in die Nachbarzelle weitergetragen wird. Dort wird
dieser wieder in einen elektrischen Impuls umgewandelt. Diese
Umwandlung findet an einer Synapse statt, die die Kontaktstelle
bildet. Damit die Übermittlung reibungslos funktioniert, muss in der empfangenden Nervenzelle eine passende Bindungsstelle
(ein Rezeptor) vorhanden sein. Für
jeden Botenstoff gibt es jeweils einen passenden Rezeptor. (Das kann man sich in etwa so vorstellen: ein Haustürschlüssel passt nur in das Schloss der zugehörigen Tür.) Ohne eine funktionierende Zusammenarbeit ist die Kommunikation
unter den Nervenzellen gestört.

Die Botenstoffe (Nor-)Adrenalin,
Serotonin und evtl. Dopamin stehen im Verdacht, bei der
Entstehung einer Depression eine wichtige Rolle zu spielen. Bei
einer Depression stehen diese speziellen Botenstoff (entweder
einer oder alle) in zu geringer Masse zur Verfügung. An dieser
Stelle setzt auch die Wirkungsweise von Antidepressiva ein, weil
diese Medikamente dabei helfen den Stoffwechsel zu regulieren.

Hier kommen die anderen Fragen und die Klicks zu den Antworten:

  • Teil 2: Hängt deine Therapie direkt mit deiner Depressionen zusammen? Warum wird deine Depression durch
    „alten Kram“ verstärkt?  KLICK
  • Teil 3: Wie fühlt sich ein Tief an? Was passiert, wenn du weinen musst? Hast
    du Angst? Wodurch wird dieses Bedürnis ausgelöst? Hast du
    dabei auch Kopf- oder andere körperliche Schmerzen?  KLICK 
  • Teil 4: Wie ist dein Alltag mit deiner Depression, wenn du kein Tief hast? Merkst du die Krankheit dann auch?   KLICK 
  • Teil 5: Was erwarte ich von meinen Freunden?    KLICK
  • Teil 6: Warum machst du während eines Tiefs so viele Ausflüge?   KLICK  
  • Teil 7: Wie sieht die Welt aus deinen Augen in Tiefphasen aus?   KLICK  

Wenn ihr zu der Frage noch Folgefragen oder auch völlig neue Fragen habt, dann schreibt sie einfach unten in einen Kommentar rein! Ich werde versuchen, jede Frage zu beantworten, soweit sie nicht zu tief in einen persönlichen Bereich von mir fällt. 

14 Kommentare zu „„Was heißt Depression für mich“ – Teil 1 –“

  1. Ich finde es richtig gut, dass Du offen darüber sprichst Frauke.Das sagte ich ja neulich schon. Viele möchten das lieber im Hintergrund halten, dabei ist es so wichtig darüber zu sprechen und andere verstehen zu lassen warum sie manchmal so sind wie sie sind. Es ist ein ständiges auf und ab, ich weiss, aber Du bist auf einem sehr guten Weg, indem Du Dich damit auseinandersetzt und viel rausgehst, unternimmst und und und…. toll Frauke! Ich wünschte, mir nahestehende Person wäre schon soweit.Sei ganz lieb gegrüßt, Nina

    1. Liebe Nina! Mir ist es auch wichtig, dass gerade meine Freunde und meine Familie verstehen, was mit mir los ist, wenn ich mal wieder ein Tief habe. Und auch, was diese Krankheit in mir drin verändert hat und in mir immer noch verändert.
      Ich wünsche mir für die dir nahestehende Person, dass sie bald Kraft findet, sich mit ebenfalls mit der Krankheit auseinander zu setzen. Mir hilft es sehr viel, wenn ich verstehe, was da in mir los ist, und das geht in meinen Augen nur durch die Auseinandersetzung mit der Depression.
      Liebe Grüße,
      Frauke

  2. Liebe Frauke,
    ich glaube tatsächlich auch, dass die Menschen diesen Begriff zweckentfremden oder mit "deprimiert" verwechseln. Es ist gut, wenn mehr darüber bekannt wird und zwar nicht erst, wenn es jemand nicht mehr ausgehalten hat, sondern weit vorher, um den vielen Betroffenen mehr Verständnis aus ihrem Umfeld zu ermöglichen.
    Sei feste umarmt und alles Liebe, bis bald. Nina

  3. Liebe Frauke,
    Depression ist ein Thema, das in unserer heutigen Gesellschaft leider kaum öffentlich gemacht wird. Aber genau das ist das Problem, dass sich keiner traut offen damit umzugehen. Umso toller finde ich es von Dir, dass Du so offen damit umgehst und somit auch anderen Betroffenen hilfst und Ein Zeichen setzt! Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und dass Deine Lebensfreude bald wieder zurück kommt. Ganz lieben Dank für Deinen lieben Kommentar bei mir!
    Klem
    Alice

    1. Liebe Alice,
      danke für deine lieben Worte und dein positives Feedback!
      Es bedeutet mir sehr viel, dass ich auf meine Offenheit zu der Depression positive Rückmeldungen bekommen!
      Liebe Grüße,
      Frauke

  4. Hallo Frauke,
    ein Kollege von mir ist auch betroffen und musste sich beruflich umorientieren. Er sagte, dass die Menschen um in herum es einfach nicht verstanden haben, was mit ihm passiert. Allerdings kennen Frauen dieses Gefühl eher als Männer, sagte er.
    Eine Frage meinerseits ist: Wie soll das Umfeld damit umgehen? Anrufen und nachfragen? Warten, bis der/die Betroffene sich meldet? Fragen stellen oder lieber nicht?
    Eigentlich wollen wir helfen, aber haben das dumme Gefühl, dass vielleicht nicht zu helfen ist, oder?
    LG Sandra

    1. Liebe Sandra,
      danke für deine Fragen! Ich werde sie mir notieren und versuchen, in einer der nächsten Teile meiner Themen-Reihe zu beantworten!
      Ich hoffe, dass dein Kollege nun nach der beruflichen Neuorientierung besser mit sich und der Depression klar kommt?
      Liebe Grüße,
      Sandra

  5. Liebe Frauke,
    ich finde es ebenfalls sehr mutig von dir, offen darüber zu schreiben. Das Thema ist ja wirklich eins, das oft totgeschwiegen wird. Daher werde ich deine Serie mit großem Interesse verfolgen!

    Ich habe einen sehr guten Freund, der unter Depressionen leidet. Als Freundin ist es für mich auch oft schwer, damit umzugehen. Man steckt einfach nicht drin und kann es sehr schwer nachvollziehen. Ich muss sagen, manchmal bin ich richtig wütend auf ihn. Vor allem weil ihn die Depression auch quasi unzuverlässig macht: Manchmal geht es einfach nicht, was wir noch am Vortag verabredet haben. Weil dann halt gerade gar nichts geht. Dafür kann er nichts, aber: Ich bin auch nur ein Mensch und so verständnisvoll ich mich verhalte, innerlich bin ich es wohl doch nicht. Dafür schäme ich mich auch etwas. Dann will ich ihn rütteln und genau all die Dinge sagen, die völlig falsch sind (a la "Reiß dich mal zusammen"). Ich mache das dann nicht, aber ich weiß auch nicht, was ich stattdessen tun soll. Konkrete Fragen hab ich da jetzt leider auch nicht, aber vielleicht kommen bei dir ja noch Tipps zu solchen Themen.

    Liebe Grüße
    Nele

  6. „Bei einer Depression stehen diese speziellen Botenstoff (entweder einer oder alle) in zu geringer Masse zur Verfügung.“
    Wer sagt das? Ich denke es ist langsam aber sicher bekannt, dass eine „Serotoninspiegelmessung“ Betrug ist, da es bei Serotonin keinen 0-Wert gibt. Man kann Serotonin auch gar nicht messen, da es im ganzen Körper und nicht nur im Kopf vorhanden ist. Dazu hat jeder Mensch einen anderen 0-Spiegel. Wenn der Arzt nun Poker spielt und einem Menschen mit einem hohen Serotoningehalt im Körper (was der Arzt wie gesagt nicht wissen kann) noch eine Tablette gibt, die dafür sorgt, dass das Serotonin noch mehr wird, dann knallt es gewaltig (Serotoninsyndrom). Solche Menschen stürzen sich dann manchmal schon nach wenigen Wochen in den Selbstmord und wussten gar nicht, dass es an der kleinen weißen Tablette gelegen hat, die der Arzt äußerst fahrlässig gegeben hat. Die Doku Frontal21 von ZDF „Das Pharmakartell“ lässt dazu ein bisschen Einblick geben. Die einzige gute Seite die ich im Internet gefunden habe ist depression-heute.de Dort wird auch aufgeklärt, was von der Pseudowissenschaft die einem manchmal verkauft wird nicht so stimmt. Alles Gute für jeden Leser! Benjamin

    1. Hallo lieber Benjamin,
      vielen Dank für deinen Kommentar!
      Erst einmal vorweg: ich habe diesen Text vor 5 Jahren geschrieben und würde ein paar Formulierungen heute wahrscheinlich anders wählen, hinter der Grundaussage stehe ich aber nach wie vor. Ändern tue ich meine Texte grundsätzlich nicht, da sie auch meine Entwicklung der letzten Jahre widerspiegeln.
      Der von dir zitierte Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen. Einleiten tue ich den Absatz mit:
      „Die Botenstoffe (Nor-)Adrenalin, Serotonin und evtl. Dopamin stehen im Verdacht, bei der Entstehung einer Depression eine wichtige Rolle zu spielen.“
      Und ja, es gibt eine Richtung in der Wissenschaft die genau dies so sagt und durch diverse Forschungen auch belegt. Genauso auch, wie es andere Richtungen gibt, die hiervon komplett oder teilweise weggehen und auch dies ebenfalls mit verschiedenen Forschungsergebnissen belegen können.
      Ich kenne einige Menschen und habe auch etliche Rückmeldungen verschiedener Leser*innen in den letzten Jahren über diesen Blog bekommen, dass Antidepressiva geholfen hat um stabiler zu werden. Klar, es hilft nicht bei jedem, aber bei einigen. Ein*e gut*e Hausärzt*in klärt einen hierüber auf und auch über die möglichen Nebenwirkungen und die später evtl. auftretenden Absetzsymptome. Dass dies viel zu wenig geschieht, steht leider außer Frage. Bei mir selbst hat null Aufklärung hierüber stattgefunden.
      Pauschal diese Medikamente zu verteufeln finde ich schwierig. Hier muss meiner Meinung nach jede*r (gemeinsam mit Ärzt*in) abwegen, was für einen selbst als Behandlung in Betracht kommt.
      Viele Grüße, Frauke

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